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In dieser Rubrik stellen wir einzelne der von uns dokumentierten Autor*innen in Porträts sowie bemerkenswerte und kuriose Funde aus unseren Recherchen vor.

Archiv der Kategorie: Porträts und Fundstücke

Kurzporträt: Klaus Bourquain

Von Marianne Jacob

Klaus Bourquain, Sohn eines Postbeamten, wurde 1938 geboren.[1] Nach dem Abschluß der 8. Klasse[2] absolvierte er eine Berufsausbildung als Brauer und Mälzer in der Börde-Brauerei Magdeburg.[3] „Mitte der fünfziger Jahre siedelte er mit den Eltern und Brüdern in die Bundesrepublik über.“[4] Hier arbeitete er in einer Brauerei in Dortmund[5] und da ihn die „Arbeit in seinem Beruf nicht befriedigte“[6], besuchte er das Industrie- und Dolmetscher-Institut und lernte Englisch.[7] Er hatte die Absicht, nach Australien oder Kanada auszuwandern, „las dann Berichte über den Kolonialkrieg in Algerien“ und „empörte sich“.[8] Bourquain schrieb an „den Präsidenten der Provisorischen Algerischen Republik einen Brief, dass er kommen werde.“[9]

Er trat „1959 in die französische Fremdenlegion ein und floh […].“[10] Bourquain berichtet weiter über sich: „Bei dieser Flucht geriet er in ein Handgemenge mit einem Wachposten und tötete diesen unabsichtlich.“[11] Er wurde von einem Militärgericht „in Abwesenheit zum Tode verurteilt“.[12] Bourquain „war dreieinhalb Jahre Soldat in der algerischen Befreiungsarmee“[13] und hat als deren Angehöriger am Unabhängigkeitskrieg (Algerienkrieg) teilgenommen.[14]

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„Dort wo es rauscht kam ich her“. Zum Tod von Thomas Rosenlöcher

Von Louisa Meier und Felix Latendorf

Selbstporträt des Autors in einer Ausgabe des Bandes „Schneebier“ vom 3. April 1998
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Kurzporträt: Horst Matthies

Von Marianne Jacob

Der in der Wahlheimat Karl Mays, in Radebeul bei Dresden, geborene Horst Matthies erlernte zunächst den Beruf eines Bergmanns im VEB Steinkohlenwerk Karl Marx in Zwickau, arbeitete danach in Freital als Hauer „und diente, bis ihn das Schreiben unerwartet überfiel“[1], 10 Jahre lang im Polizeidienst[2]. Er studierte ab 1967 drei Jahre am Literaturinstitut und es „entwickelten sich freundschaftliche Beziehungen, wie etwa mit Waldemar Spender, Manfred und Brigitte Boden […], Dieter Beier, Elisabeth Semrau (später Ehefrau von Max Walter Schulz), Siegfried Weinhold, Klaus Bourquain“[3]. Obwohl das Studium nun schon etliche Jahre zurückliegt, erinnert er sich in der Fragebogenauskunft gut an viele Dozenten und beschreibt damit ein umfangreiches Bild der vielfältigen Lehrveranstaltungen u.a. bei Joachim Nowotny (Prosa), Günter K. Lehmann (Ästhetik), Hans Pfeifer (Dramatik), Kurt Kanzog (Klassische deutsche Literatur), Roland Opitz (Sowjetliteratur), Dietrich Allert (Gegenwartsliteratur), Horst Pickert (Philosophie), Ursula Sczeponik (Gegenwartsliteratur), Gerhard Rothbauer (Stilistik), Marianne Hübscher (Gastdozentin für Kunstgeschichte). Matthies‘ Abschlußabeit behandelte „das sozialistische Menschenbild – Bedingungen seiner Entwicklung und die Aufgaben der Literatur“.[4] 

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Kurzporträt: Gunter Preuß

Von Marianne Jacob

In einem Unterrichtsraum des Literaturinstituts J. R. Becher, rechts: Gunter Preuß und links Peter Biele mit einem weiteren Kommilitonen. Mit freundlicher Genehmigung von Gunter Preuß

Fast unbemerkt von den großen Medien erschien im Coronajahr 2021 die Geschichte „Neues von Gretel und Hänsel“ von Gunter Preuß im Leipziger Engelsdorfer Verlag. Preuß, der die Handlung des weltbekannten Märchens der Brüder Grimm in die heutige Zeit überträgt und damit auch neue Fragen aufwirft, hat dieses Buch nicht nur für Kinder, sondern auch besonders für Erwachsene geschrieben. Die Rezension von Ralf Julke, ebenfalls ehemaliger Absolvent des Leipziger Literaturinstituts, ist tiefgehend, deutend und aufrüttelnd.[1]Vgl. Julke, Ralf. [Rez.] In: Die Leipziger Zeitung (L-IZ) 18. Februar 2021.

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References

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1 Vgl. Julke, Ralf. [Rez.] In: Die Leipziger Zeitung (L-IZ) 18. Februar 2021.

Kurzporträt: Rolf Merckel

Von Marianne Jacob

10 Jahre, nachdem der Deutsche Fernsehfunk mit einem Sender seinen regulären Programmbetrieb aufnahm, begann am 3. September 1967 die Ausstrahlung der ersten Vorabend-Serie im Fernsehen der DDR „Harras, der Polizeihund“ mit der Folge 1 „In letzter Minute“. Szenarist war Rolf Merckel.[1]Obwohl sich Merckel nicht mehr an der Fragebogenaktion beteiligen konnte, wurde er in diese Reihe aufgenommen, da der Verfasserin der handgeschriebene Lebenslauf vorlag. – Vgl. Sammlung Jacob, 1959. Held der Filme, die mit Unterstützung der Deutschen Volkspolizei entstanden und im Studio Halle des DFF produziert wurden, ist Spürnase „Harras“. Er hilft bei der täglichen Polizeiarbeit, Verbrechen aufzudecken und stöbert Straftäter, wie Einbrecher, Brandstifter und Mörder auf. Ausgestrahlt wurden insgesamt nur 3 Folgen der ursprünglich 8-teiligen Serie. 3 Teile davon, bei denen Merckel Autor und Szenarist ist[2]Merckel, Rolf: Szenarium für: F. 5: Mord im Hafen; F. 6: Spiel mit dem Leben, F. 7: Die Party. – Recherche Marianne Jacob., wurden nicht gezeigt, obwohl darin bekannte Schauspieler, wie Hans-Edgar Stecher, Vera Oelschlegel und Jürgen Zartmann (später in Polizeiruf 110) mitwirkten. Die Filme wurden 2016 digital restauriert und als DVD herausgegeben (Studio Hamburg Enterprises); Folge 3 gilt heute leider als verschollen.[3]Vgl. Studio Hamburg Enterprises (Hg.): Harras der Polizeihund. DDR TV-Archiv. 2016 [DVD]. Die Serie „Harras“ stand in der Tradition des russischen Filmes „Polizeihund Muchtar“ (1965 im Kino der DDR gezeigt, 1968 im DFF), der wiederum Vorbild für die österreichische Fernsehserie „Kommissar Rex“ wurde.

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References

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1 Obwohl sich Merckel nicht mehr an der Fragebogenaktion beteiligen konnte, wurde er in diese Reihe aufgenommen, da der Verfasserin der handgeschriebene Lebenslauf vorlag. – Vgl. Sammlung Jacob, 1959.
2 Merckel, Rolf: Szenarium für: F. 5: Mord im Hafen; F. 6: Spiel mit dem Leben, F. 7: Die Party. – Recherche Marianne Jacob.
3 Vgl. Studio Hamburg Enterprises (Hg.): Harras der Polizeihund. DDR TV-Archiv. 2016 [DVD].

Kurzporträt: Horst Seidel

Von Marianne Jacob

Horst Seidels Texte sind zeitbezogen, bodenständig und kritisch. Seine Protagonisten sind stets, wie auch in den Werken von Hans Fallada, die kleinen Leute. In seinem Buch „Warten auf Anschluss“, in dem Seidel mehrere Prosatexte vereint, stechen neben der Titelgeschichte „Die tragischen Abstürze einer Büroklammer“ auch „Drei Wünsche einiger Autoren an die Politik“ sowie die Erzählung „Die Katze II“ hervor, in der die Alltagswelt der Verwaltungsangestellten „Frau Müller“ geschildert wird:

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Kurzporträt: Ingrid Weissbach

Von Marianne Jacob

„Ich wachte auf. Ich ging ins Institut. Andreas sagte: ‚Die krabbeln in Berlin wie Maikäfer über die Mauer. Und die Züge sind überfüllt. Wie auf der Flucht. Die krabbeln sogar auf die Dächer der Waggons‘. Die Mauer war tatsächlich weg“.[1]Weissbach, Ingrid. [Ausz. aus:] Einmal Welt bitte. Roman. Kapitel 16: Nervös, Leipzig 1989. [Ungedr.] Mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach.

So beschreibt Ingrid Weissbach ihre Erinnerungen an den November 1989 in Leipzig. 

Weissbach, in Thüringen geboren, in Stralsund aufgewachsen, studierte von 1988 bis 1991 – im letzten Jahrgang in der DDR – am Literaturinstitut in Leipzig und lebt jetzt abwechselnd in Berlin und der Schweiz. Sie fühlt sich „als ‚Weltbürgerin‘ mit Wurzeln in der DDR“.[2]Email-Auskunft an M. Jacob vom 26. Febr. 2021. Die Veröffentlichung der folgenden Zitate erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach.

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References

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1 Weissbach, Ingrid. [Ausz. aus:] Einmal Welt bitte. Roman. Kapitel 16: Nervös, Leipzig 1989. [Ungedr.] Mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach.
2 Email-Auskunft an M. Jacob vom 26. Febr. 2021. Die Veröffentlichung der folgenden Zitate erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach.

Kurzporträt: Wolfgang Eckert

Von Marianne Jacob

V.l.: Walter Flegel, Ernst Kreitlow, Wolfgang Eckert. Foto beim Ernteeinsatz während des Studiums (1962). Mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Eckert.

Wolfgang Eckert gehört neben Gerd Bieker, Günter Glante, Ernst Kreitlow und Alfons Linnhofer zu einem der frühen Studienjahrgänge am Institut für Literatur in Leipzig. Eckert studierte von 1960 bis 1963 bei den Dozent*innen Max Walter Schulz, Trude Richter sowie Kurt Kanzog. Zu seiner Studienaufnahme äußerte er:

„Mit Kreitlow, den ich aus seiner Meeraner Zeit gut kannte, bewarb ich mich gleichzeitig am Institut. Wir legten keinerlei literarischen Proben vor. Er war stellvertretender Leiter der Abteilung Kultur und ich Weber. Er wurde angenommen, ich abgelehnt. Ich glaubte, Alfred Kurella ist der Institutsdirektor. Also schrieb ich ihm einen verbitterten Brief. Der Brief wurde ihm ungeöffnet nach Berlin gesendet. Kurella schrieb an das Institut und ich wurde nachtäglich immatrikuliert. Lange fühlte ich mich dort als Eindringling. Aber das legte sich bald. Aus heutiger Sicht bin ich der erfolgreichste Absolvent dieser Seminargruppe 1960 bis 1963“.

E-Mail Auskunft an M. Jacob vom 04.01.2022. Mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Eckert.
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Beate Stanislau: Versuch eines Porträts

Von Daria Kolesova

Beate Stanislau 1986. Fotografie von Klaus Morgenstern. Quelle: SLUB / Deutsche Fotothek

Ich frage: ‚Haben Sie niemals, irgendwann einmal irgend etwas anderes gewollt?‘ ‚Nein‘, sagt Elke, ‚ich wollte immer Zootechniker werden.‘
Das ist ein Weg voller Geradheit, ohne Umwege. Brüche. Für mich stellt sich die Überlegung in Frage, ob ein zerrissener Lebensweg später zu besonderen Leistungen befähigt… Sie stimmt eben doch nicht in allen Bereichen und sicherlich auch nicht unbedingt in meinem.

Beate Stanislau: Wie ein Auftrag und sein Umstand zu dem Versuch einer Reportage über Elke Biskupek, DDR-Siegerin im Melk-Ausscheid 1985, und den Ort Schönau führten, in: Bauernmarkt. Dorfgeschichten einmal anders, Halle/Leipzig 1987, S. 180.

Brüche in den Biografien der Absolvent*innen des Literaturinstituts Johannes R. Becher sind ein auffallender Bestandteil ihrer so unterschiedlichen Lebenswege. Gerade am Beispiel Beate Stanislaus lassen sich biografische Brüche nachzeichnen: 1942 in Berlin-Pankow geboren, studiert Beate Stanislau nach dem Abitur zunächst Malerei an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, bricht dieses Studium 1963 jedoch ab. Stattdessen arbeitet sie in neun (!) verschiedenen Berufen: als Hilfs- und Rotationsarbeiterin, Botin, Korrektorin, Bibliothekarin, Spritzmalerin, Sekretärin, Tastomatsetzerin und Archivtechnikerin.

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Lehrende am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“: zum Beispiel Trude Richter, Gerhard Rothbauer, Georg Maurer

Von Birgit Dahlke

Eigensinn und soziale Alltagspraxis schlugen sich nur bedingt in Dokumenten nieder. Einer Literaturgeschichtsschreibung, die sich vorrangig auf administrative Papiere (also ideologische Einflussversuche und Zielvorstellungen) als Quellen stützt, muss diese Parallelität und Komplexität der DDR-Alltagsgeschichte entgehen. Offizielle Verlautbarungen und praktizierter Lehrbetrieb sind nicht deckungsgleich. Was die Studierenden am Literaturinstitut erlebten, war in starkem Maße abhängig von der Persönlichkeit ihrer Dozent*innen. Deren Ausstrahlung prägte den am Institut herrschenden Geist, wenn auch das Ministerium für Kultur auf den Lehrplan Einfluss zu nehmen versuchte und sich zeitweise Seminarunterlagen und Abschlussarbeiten vorlegen ließ. In Zeitzeugeninterviews kommen Absolvent*innen immer wieder wertschätzend auf Georg Maurer, Gerhard Rothbauer, Trude Richter, Peter Gosse, Hubert Witt oder Ralf Schröder zu sprechen.[1]Rothbauer unterrichtete u.a. Stilistik, Witt ab 1986 das Fach Weltliteratur. Siehe auch Hubert Witt: Leipziger Dichterschule, in: Sprache im technischen Zeitalter 116 (1990), S. 321–329. Der … Continue reading

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References

References
1 Rothbauer unterrichtete u.a. Stilistik, Witt ab 1986 das Fach Weltliteratur. Siehe auch Hubert Witt: Leipziger Dichterschule, in: Sprache im technischen Zeitalter 116 (1990), S. 321–329. Der Slawist Ralf Schröder unterrichtete als Gastdozent sowjetische Literatur. Er war von 1957 bis 1964 als politischer Häftling in Bautzen gewesen.