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Archiv der Kategorie: Porträts & Fundstücke

Kurzporträt: Horst Seidel

Horst Seidels Texte sind zeitbezogen, bodenständig und kritisch. Seine Protagonisten sind stets, wie auch in den Werken von Hans Fallada, die kleinen Leute. In seinem Buch „Warten auf Anschluss“, in dem Seidel mehrere Prosatexte vereint, stechen neben der Titelgeschichte „Die tragischen Abstürze einer Büroklammer“ auch „Drei Wünsche einiger Autoren an die Politik“ sowie die Erzählung „Die Katze II“ hervor, in der die Alltagswelt der Verwaltungsangestellten „Frau Müller“ geschildert wird:

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Kurzporträt: Ingrid Weissbach

„Ich wachte auf. Ich ging ins Institut. Andreas sagte: ‚Die krabbeln in Berlin wie Maikäfer über die Mauer. Und die Züge sind überfüllt. Wie auf der Flucht. Die krabbeln sogar auf die Dächer der Waggons‘. Die Mauer war tatsächlich weg“.[1]Weissbach, Ingrid. [Ausz. aus:] Einmal Welt bitte. Roman. Kapitel 16: Nervös, Leipzig 1989. [Ungedr.] Mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach.

So beschreibt Ingrid Weissbach ihre Erinnerungen an den November 1989 in Leipzig. 

Weissbach, in Thüringen geboren, in Stralsund aufgewachsen, studierte von 1988 bis 1991 – im letzten Jahrgang in der DDR – am Literaturinstitut in Leipzig und lebt jetzt abwechselnd in Berlin und der Schweiz. Sie fühlt sich „als ‚Weltbürgerin‘ mit Wurzeln in der DDR“.[2]Email-Auskunft an M. Jacob vom 26. Febr. 2021. Die Veröffentlichung der folgenden Zitate erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach.

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References

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1 Weissbach, Ingrid. [Ausz. aus:] Einmal Welt bitte. Roman. Kapitel 16: Nervös, Leipzig 1989. [Ungedr.] Mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach.
2 Email-Auskunft an M. Jacob vom 26. Febr. 2021. Die Veröffentlichung der folgenden Zitate erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach.

Kurzporträt: Wolfgang Eckert

V.l.: Walter Flegel, Ernst Kreitlow, Wolfgang Eckert. Foto beim Ernteeinsatz während des Studiums (1962). Mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Eckert.

Wolfgang Eckert gehört neben Gerd Bieker, Günter Glante, Ernst Kreitlow und Alfons Linnhofer zu einem der frühen Studienjahrgänge am Institut für Literatur in Leipzig. Eckert studierte von 1960 bis 1963 bei den Dozent*innen Max Walter Schulz, Trude Richter sowie Kurt Kanzog. Zu seiner Studienaufnahme äußerte er:

„Mit Kreitlow, den ich aus seiner Meeraner Zeit gut kannte, bewarb ich mich gleichzeitig am Institut. Wir legten keinerlei literarischen Proben vor. Er war stellvertretender Leiter der Abteilung Kultur und ich Weber. Er wurde angenommen, ich abgelehnt. Ich glaubte, Alfred Kurella ist der Institutsdirektor. Also schrieb ich ihm einen verbitterten Brief. Der Brief wurde ihm ungeöffnet nach Berlin gesendet. Kurella schrieb an das Institut und ich wurde nachtäglich immatrikuliert. Lange fühlte ich mich dort als Eindringling. Aber das legte sich bald. Aus heutiger Sicht bin ich der erfolgreichste Absolvent dieser Seminargruppe 1960 bis 1963“.

E-Mail Auskunft an M. Jacob vom 04.01.2022. Mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Eckert.
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Kurzporträt: Beate Stanislau

Beate Stanislau 1986. Fotografie von Klaus Morgenstern. Quelle: SLUB / Deutsche Fotothek

Ich frage: ‚Haben Sie niemals, irgendwann einmal irgend etwas anderes gewollt?‘ ‚Nein‘, sagt Elke, ‚ich wollte immer Zootechniker werden.‘
Das ist ein Weg voller Geradheit, ohne Umwege. Brüche. Für mich stellt sich die Überlegung in Frage, ob ein zerrissener Lebensweg später zu besonderen Leistungen befähigt… Sie stimmt eben doch nicht in allen Bereichen und sicherlich auch nicht unbedingt in meinem.

Beate Stanislau: Wie ein Auftrag und sein Umstand zu dem Versuch einer Reportage über Elke Biskupek, DDR-Siegerin im Melk-Ausscheid 1985, und den Ort Schönau führten, in: Bauernmarkt. Dorfgeschichten einmal anders, Halle/Leipzig 1987, S. 180.

Brüche in den Biografien der Absolvent*innen des Literaturinstituts Johannes R. Becher sind ein auffallender Bestandteil ihrer so unterschiedlichen Lebenswege. Gerade am Beispiel Beate Stanislaus lassen sich biografische Brüche nachzeichnen: 1942 in Berlin-Pankow geboren, studiert Beate Stanislau nach dem Abitur zunächst Malerei an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, bricht dieses Studium 1963 jedoch ab. Stattdessen arbeitet sie in neun (!) verschiedenen Berufen: als Hilfs- und Rotationsarbeiterin, Botin, Korrektorin, Bibliothekarin, Spritzmalerin, Sekretärin, Tastomatsetzerin und Archivtechnikerin.

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Lehrende am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“: zum Beispiel Trude Richter, Gerhard Rothbauer, Georg Maurer

Eigensinn und soziale Alltagspraxis schlugen sich nur bedingt in Dokumenten nieder. Einer Literaturgeschichtsschreibung, die sich vorrangig auf administrative Papiere (also ideologische Einflussversuche und Zielvorstellungen) als Quellen stützt, muss diese Parallelität und Komplexität der DDR-Alltagsgeschichte entgehen. Offizielle Verlautbarungen und praktizierter Lehrbetrieb sind nicht deckungsgleich. Was die Studierenden am Literaturinstitut erlebten, war in starkem Maße abhängig von der Persönlichkeit ihrer Dozent*innen. Deren Ausstrahlung prägte den am Institut herrschenden Geist, wenn auch das Ministerium für Kultur auf den Lehrplan Einfluss zu nehmen versuchte und sich zeitweise Seminarunterlagen und Abschlussarbeiten vorlegen ließ. In Zeitzeugeninterviews kommen Absolvent*innen immer wieder wertschätzend auf Georg Maurer, Gerhard Rothbauer, Trude Richter, Peter Gosse, Hubert Witt oder Ralf Schröder zu sprechen.[1]Rothbauer unterrichtete u.a. Stilistik, Witt ab 1986 das Fach Weltliteratur. Siehe auch Hubert Witt: Leipziger Dichterschule, in: Sprache im technischen Zeitalter 116 (1990), S. 321–329. Der … Continue reading

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References

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1 Rothbauer unterrichtete u.a. Stilistik, Witt ab 1986 das Fach Weltliteratur. Siehe auch Hubert Witt: Leipziger Dichterschule, in: Sprache im technischen Zeitalter 116 (1990), S. 321–329. Der Slawist Ralf Schröder unterrichtete als Gastdozent sowjetische Literatur. Er war von 1957 bis 1964 als politischer Häftling in Bautzen gewesen.

Fundstück: Trude Richters tabuisierte Erinnerungen

Im Projektseminar „DDR-Literaturgeschichte aus Quellen“, das im Sommer 2021 von Birgit Dahlke an der Humboldt-Universität zu Berlin geleitet wurde, erstellten Studierende Essays zu einzelnen Quellen aus der DDR-Literaturgeschichte. Einige dieser Arbeiten stellen wir hier in gekürzter Fassung vor. Vielen Dank an Luisa Sarina Möllmann für die Einwilligung zur Publikation!

Die Rückschau auf historische Ereignisse sowie Prozesse birgt häufig die Gefahr der Verallgemeinerung. Auch die Geschichtsschreibung zur DDR-Literatur ist davon zumindest (aber nicht nur) populärwissenschaftlich nicht frei. Allzu oft wird davon gesprochen, dass es für Autor*innen eine klare „Rote Linie“ gegeben habe, die zu überschreiten von staatlicher Stelle nicht genehmigt war. Aus dem Blick gerät bei dieser Feststellung, dass das zu Sagen Mögliche zeitlich veränderlich war und dass Thementabus von gesellschaftlichen Prozessen, politischen Entwicklungen, aber auch von persönlichem Einsatz beeinflussbar waren. Ein Beispiel dafür ist der Vergleich von zwei Briefen, die Max Walter Schulz am 23.05.1984 und 20.10.1987 an Trude Richter schrieb anlässlich einer geplanten Veröffentlichung von Lebenserinnerungen Richters in der Zeitschrift „Sinn und Form“, deren Chefredakteur er war.

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Kurzporträt: Heidemarie Härtl

Heidemarie Härtl, geboren 1943 in Oelsnitz / Vogtland, nahm ihr Studium 1967 auf. Sie hatte zuvor Bauwesen an der Technischen Hochschule Dresden studiert, aber nicht abgeschlossen. Die Tochter zweier Funktionsträger der SED wurde 1970 exmatrikuliert, als letzte ihres Jahrgangs und im Nachgang harter Auseinandersetzungen um die Bewertung der Ereignisse in Prag 1968, aber auch um das Curriculum und um undemokratische Entscheidungsstrukturen am Institut. Ihr Ehemann Gert Neumann, den sie am Institut kennengelernt hatte, war ein Jahr zuvor exmatrikuliert worden.[1]Vgl. Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, Anm. 175, S. 87; S. 264; Anm. 298, S. 281, 363.

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1 Vgl. Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, Anm. 175, S. 87; S. 264; Anm. 298, S. 281, 363.

Fundstück: „Unziemlich indiskret“: Kuriose Details über die sportlichen Vorlieben einiger DDR-Autor*innen

Um bio-bibliografische Angaben zu erschließen, sichten wir systematisch die Paratexte von Anthologien, insbesondere deren Autorenverzeichnisse: Häufig finden sich hier Angaben zu Leben und Werk der an der Anthologie beteiligten Autor*innen. In einigen Fällen finden wir auch noch mehr, so wie in der von Rainer Kirsch und Manfred Wolter 1972 im Aufbau-Verlag herausgegebenen Anthologie „Olympische Spiele. Gedichte.“ Hier erfahren wir kuriose Details über die sportlichen Vorlieben und Erfolge der Dichter*innen.

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Kurzporträt: Angela Krauß

Angela Krauß 1984. Foto von Barbara Morgenstern. Quelle: SLUB / Deutsche Fotothek

Angela Krauß, geboren 1950 in Chemnitz, studierte von 1977 bis 1979 am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“. Die 26-Jährige hatte vor ihrer Aufnahme ans Literaturinstitut Werbeökonomie an der Fachschule für Werbung und Gestaltung Berlin studiert und am Literaturinstitut vom Fern- ins Direktstudium wechseln können. Das Leben ihres Vaters, eines leitenden Funktionärs im Uranbergbau, stellte sie ins Zentrum ihrer 1988 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichneten Erzählung „Der Dienst“ (1990).[1]Dass es 1988 möglich war, als in der DDR lebende Ostdeutsche an diesem Wettbewerb teilzunehmen, ist ein interessantes Detail der Literaturgeschichte der Ost-West-Beziehungen über die Mauer hinweg. … Continue reading

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1 Dass es 1988 möglich war, als in der DDR lebende Ostdeutsche an diesem Wettbewerb teilzunehmen, ist ein interessantes Detail der Literaturgeschichte der Ost-West-Beziehungen über die Mauer hinweg. Zwischen 1986 und 1989 gab es vier aus der DDR stammende Gewinner*innen des Bachmann-Preises. Außer Angela Krauß waren dies Katja Lange-Müller, Uwe Saeger und Wolfgang Hilbig. Ulrich Plenzdorf hatte ihn 1978 erhalten.

Kurzporträt: Katja Lange-Müller

Katja Lange-Müller, geboren 1951 in Berlin, studierte von 1979 bis 1982 am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“. Obwohl sie mit 16 Jahren wegen „unsozialistischen Verhaltens“ ohne Abitur von der Schule verwiesen worden war und 1976 zu den Unterzeichner*innen der Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung gehörte, wurde sie – gegen den expliziten Einspruch der Leiterin der Abteilung Kultur des Zentralkomitees (ZK) der SED, Ursula Ragwitz[1]Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, S. 507. – zum Studium zugelassen. Die ausgebildete Schriftsetzerin, deren Mutter Inge Lange Mitglied des ZK der SED und Kandidatin des Politbüros war, hatte zuvor in ihrem Beruf und als Umbruchredakteurin gearbeitet und war mehrere Jahre Pflegerin in der Psychiatrie gewesen. Zur Immatrikulation am Literaturinstitut kam es durch ihren Namenswechsel. In Katja Müller (verheiratet mit Wolfgang Müller, dem Bruder Heiner Müllers) erkannten Kaderleitung und Sicherheitsorgane die Tochter der hohen SED-Funktionärin nicht. Der Namenswechsel ließ die Immatrikulation bis zu der Phase fortschreiten, dass sie nur unter peinlichem Skandal rückgängig zu machen gewesen wäre.[2]Vgl. Johannes Nichelmann: Portrait einer Schriftstellerin: Die autonome Republik Katja Lange-Müller. … Continue reading

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References

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1 Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, S. 507.
2 Vgl. Johannes Nichelmann: Portrait einer Schriftstellerin: Die autonome Republik Katja Lange-Müller. https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/schriftstellerin-katjalange-mueller-100.html – Minute 35-38.