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Archiv des Autors: Ira Klinkenbusch

Fundstück: Thomas Rosenlöcher und „Das Wunder, das zu Fuß ging“

Im Projektseminar „DDR-Literaturgeschichte aus Quellen“, das im Sommer 2021 von Birgit Dahlke an der Humboldt-Universität zu Berlin geleitet wurde, erstellten Studierende Essays zu einzelnen Quellen aus der DDR-Literaturgeschichte. Einige dieser Arbeiten stellen wir hier in gekürzter Fassung vor. Vielen Dank an Yevgen Oks für die Einwilligung zur Publikation!

Am 8.10.1982 legt der 35-jährige Autor Thomas Rosenlöcher sein vorläufig mit „Das Wunder, das zu Fuß ging“ betiteltes Buchprojekt dem Schriftstellerverband der DDR zum Gutachten vor. Es handelte sich hierbei um eine Sammlung von kurzen Prosastücken.

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Kurzporträt: Beate Stanislau

Beate Stanislau 1986. Fotografie von Klaus Morgenstern. Quelle: SLUB / Deutsche Fotothek

Ich frage: ‚Haben Sie niemals, irgendwann einmal irgend etwas anderes gewollt?‘ ‚Nein‘, sagt Elke, ‚ich wollte immer Zootechniker werden.‘
Das ist ein Weg voller Geradheit, ohne Umwege. Brüche. Für mich stellt sich die Überlegung in Frage, ob ein zerrissener Lebensweg später zu besonderen Leistungen befähigt… Sie stimmt eben doch nicht in allen Bereichen und sicherlich auch nicht unbedingt in meinem.

Beate Stanislau: Wie ein Auftrag und sein Umstand zu dem Versuch einer Reportage über Elke Biskupek, DDR-Siegerin im Melk-Ausscheid 1985, und den Ort Schönau führten, in: Bauernmarkt. Dorfgeschichten einmal anders, Halle/Leipzig 1987, S. 180.

Brüche in den Biografien der Absolvent*innen des Literaturinstituts Johannes R. Becher sind ein auffallender Bestandteil ihrer so unterschiedlichen Lebenswege. Gerade am Beispiel Beate Stanislaus lassen sich biografische Brüche nachzeichnen: 1942 in Berlin-Pankow geboren, studiert Beate Stanislau nach dem Abitur zunächst Malerei an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, bricht dieses Studium 1963 jedoch ab. Stattdessen arbeitet sie in neun (!) verschiedenen Berufen: als Hilfs- und Rotationsarbeiterin, Botin, Korrektorin, Bibliothekarin, Spritzmalerin, Sekretärin, Tastomatsetzerin und Archivtechnikerin.

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Lehrende am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“: zum Beispiel Trude Richter, Gerhard Rothbauer, Georg Maurer

Eigensinn und soziale Alltagspraxis schlugen sich nur bedingt in Dokumenten nieder. Einer Literaturgeschichtsschreibung, die sich vorrangig auf administrative Papiere (also ideologische Einflussversuche und Zielvorstellungen) als Quellen stützt, muss diese Parallelität und Komplexität der DDR-Alltagsgeschichte entgehen. Offizielle Verlautbarungen und praktizierter Lehrbetrieb sind nicht deckungsgleich. Was die Studierenden am Literaturinstitut erlebten, war in starkem Maße abhängig von der Persönlichkeit ihrer Dozent*innen. Deren Ausstrahlung prägte den am Institut herrschenden Geist, wenn auch das Ministerium für Kultur auf den Lehrplan Einfluss zu nehmen versuchte und sich zeitweise Seminarunterlagen und Abschlussarbeiten vorlegen ließ. In Zeitzeugeninterviews kommen Absolvent*innen immer wieder wertschätzend auf Georg Maurer, Gerhard Rothbauer, Trude Richter, Peter Gosse, Hubert Witt oder Ralf Schröder zu sprechen.[1]Rothbauer unterrichtete u.a. Stilistik, Witt ab 1986 das Fach Weltliteratur. Siehe auch Hubert Witt: Leipziger Dichterschule, in: Sprache im technischen Zeitalter 116 (1990), S. 321–329. Der … Continue reading

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1 Rothbauer unterrichtete u.a. Stilistik, Witt ab 1986 das Fach Weltliteratur. Siehe auch Hubert Witt: Leipziger Dichterschule, in: Sprache im technischen Zeitalter 116 (1990), S. 321–329. Der Slawist Ralf Schröder unterrichtete als Gastdozent sowjetische Literatur. Er war von 1957 bis 1964 als politischer Häftling in Bautzen gewesen.

Fundstück: Trude Richters tabuisierte Erinnerungen

Im Projektseminar „DDR-Literaturgeschichte aus Quellen“, das im Sommer 2021 von Birgit Dahlke an der Humboldt-Universität zu Berlin geleitet wurde, erstellten Studierende Essays zu einzelnen Quellen aus der DDR-Literaturgeschichte. Einige dieser Arbeiten stellen wir hier in gekürzter Fassung vor. Vielen Dank an Luisa Sarina Möllmann für die Einwilligung zur Publikation!

Die Rückschau auf historische Ereignisse sowie Prozesse birgt häufig die Gefahr der Verallgemeinerung. Auch die Geschichtsschreibung zur DDR-Literatur ist davon zumindest (aber nicht nur) populärwissenschaftlich nicht frei. Allzu oft wird davon gesprochen, dass es für Autor*innen eine klare „Rote Linie“ gegeben habe, die zu überschreiten von staatlicher Stelle nicht genehmigt war. Aus dem Blick gerät bei dieser Feststellung, dass das zu Sagen Mögliche zeitlich veränderlich war und dass Thementabus von gesellschaftlichen Prozessen, politischen Entwicklungen, aber auch von persönlichem Einsatz beeinflussbar waren. Ein Beispiel dafür ist der Vergleich von zwei Briefen, die Max Walter Schulz am 23.05.1984 und 20.10.1987 an Trude Richter schrieb anlässlich einer geplanten Veröffentlichung von Lebenserinnerungen Richters in der Zeitschrift „Sinn und Form“, deren Chefredakteur er war.

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Kurzporträt: Heidemarie Härtl

Heidemarie Härtl, geboren 1943 in Oelsnitz / Vogtland, nahm ihr Studium 1967 auf. Sie hatte zuvor Bauwesen an der Technischen Hochschule Dresden studiert, aber nicht abgeschlossen. Die Tochter zweier Funktionsträger der SED wurde 1970 exmatrikuliert, als letzte ihres Jahrgangs und im Nachgang harter Auseinandersetzungen um die Bewertung der Ereignisse in Prag 1968, aber auch um das Curriculum und um undemokratische Entscheidungsstrukturen am Institut. Ihr Ehemann Gert Neumann, den sie am Institut kennengelernt hatte, war ein Jahr zuvor exmatrikuliert worden.[1]Vgl. Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, Anm. 175, S. 87; S. 264; Anm. 298, S. 281, 363.

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1 Vgl. Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, Anm. 175, S. 87; S. 264; Anm. 298, S. 281, 363.

Fundstück: „Unziemlich indiskret“: Kuriose Details über die sportlichen Vorlieben einiger DDR-Autor*innen

Um bio-bibliografische Angaben zu erschließen, sichten wir systematisch die Paratexte von Anthologien, insbesondere deren Autorenverzeichnisse: Häufig finden sich hier Angaben zu Leben und Werk der an der Anthologie beteiligten Autor*innen. In einigen Fällen finden wir auch noch mehr, so wie in der von Rainer Kirsch und Manfred Wolter 1972 im Aufbau-Verlag herausgegebenen Anthologie „Olympische Spiele. Gedichte.“ Hier erfahren wir kuriose Details über die sportlichen Vorlieben und Erfolge der Dichter*innen.

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Kurzporträt: Angela Krauß

Angela Krauß 1984. Foto von Barbara Morgenstern. Quelle: SLUB / Deutsche Fotothek

Angela Krauß, geboren 1950 in Chemnitz, studierte von 1977 bis 1979 am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“. Die 26-Jährige hatte vor ihrer Aufnahme ans Literaturinstitut Werbeökonomie an der Fachschule für Werbung und Gestaltung Berlin studiert und am Literaturinstitut vom Fern- ins Direktstudium wechseln können. Das Leben ihres Vaters, eines leitenden Funktionärs im Uranbergbau, stellte sie ins Zentrum ihrer 1988 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichneten Erzählung „Der Dienst“ (1990).[1]Dass es 1988 möglich war, als in der DDR lebende Ostdeutsche an diesem Wettbewerb teilzunehmen, ist ein interessantes Detail der Literaturgeschichte der Ost-West-Beziehungen über die Mauer hinweg. … Continue reading

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1 Dass es 1988 möglich war, als in der DDR lebende Ostdeutsche an diesem Wettbewerb teilzunehmen, ist ein interessantes Detail der Literaturgeschichte der Ost-West-Beziehungen über die Mauer hinweg. Zwischen 1986 und 1989 gab es vier aus der DDR stammende Gewinner*innen des Bachmann-Preises. Außer Angela Krauß waren dies Katja Lange-Müller, Uwe Saeger und Wolfgang Hilbig. Ulrich Plenzdorf hatte ihn 1978 erhalten.

Wie Paula Fürstenberg Botschafterin der DDR wurde

Paula Fürstenberg hat in der Online-Anthologie „Nachbarschaften“ des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung beschrieben, wie sie, 1987 geboren und in Potsdam aufgewachsen, durch ihre Herkunft zur DDR-Expertin wurde – eine Expertise allerdings, die hauptsächlich auf der Ahnungslosigkeit ihrer nicht in der DDR sozialisierten Gesprächspartner*innen beruht:

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Digitalisierte Sammlung von Abschlussarbeiten des Literaturinstituts „Johannes R. Becher“

In unserem Pilotprojekt (2019-2022) erheben wir bio-bibliografische Daten zu den rund 350 Direkt-Studierenden des Literaturinstituts „Johannes R. Becher“ in Leipzig. Das Literaturinstitut war zur Zeit seines Bestehens 1955–1993 die einzige akademische Ausbildungsinstitution für Autor*innen im deutschsprachigen Raum und eine der zentralen Institutionen im literarischen Feld der DDR.

Über das Landesdigitalisierungsprogramm für Wissenschaft und Kultur des Freistaates Sachsen (Sachsen.digital) wurde eine Sammlung von 106 Abschlussarbeiten, die von Studierenden am Institut eingereicht wurden, öffentlich zugänglich gemacht:

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Kurzporträt: Katja Lange-Müller

Katja Lange-Müller, geboren 1951 in Berlin, studierte von 1979 bis 1982 am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“. Obwohl sie mit 16 Jahren wegen „unsozialistischen Verhaltens“ ohne Abitur von der Schule verwiesen worden war und 1976 zu den Unterzeichner*innen der Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung gehörte, wurde sie – gegen den expliziten Einspruch der Leiterin der Abteilung Kultur des Zentralkomitees (ZK) der SED, Ursula Ragwitz[1]Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, S. 507. – zum Studium zugelassen. Die ausgebildete Schriftsetzerin, deren Mutter Inge Lange Mitglied des ZK der SED und Kandidatin des Politbüros war, hatte zuvor in ihrem Beruf und als Umbruchredakteurin gearbeitet und war mehrere Jahre Pflegerin in der Psychiatrie gewesen. Zur Immatrikulation am Literaturinstitut kam es durch ihren Namenswechsel. In Katja Müller (verheiratet mit Wolfgang Müller, dem Bruder Heiner Müllers) erkannten Kaderleitung und Sicherheitsorgane die Tochter der hohen SED-Funktionärin nicht. Der Namenswechsel ließ die Immatrikulation bis zu der Phase fortschreiten, dass sie nur unter peinlichem Skandal rückgängig zu machen gewesen wäre.[2]Vgl. Johannes Nichelmann: Portrait einer Schriftstellerin: Die autonome Republik Katja Lange-Müller. … Continue reading

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References

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1 Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, S. 507.
2 Vgl. Johannes Nichelmann: Portrait einer Schriftstellerin: Die autonome Republik Katja Lange-Müller. https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/schriftstellerin-katjalange-mueller-100.html – Minute 35-38.