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Fundstück: Thomas Rosenlöcher und „Das Wunder, das zu Fuß ging“

Im Projektseminar „DDR-Literaturgeschichte aus Quellen“, das im Sommer 2021 von Birgit Dahlke an der Humboldt-Universität zu Berlin geleitet wurde, erstellten Studierende Essays zu einzelnen Quellen aus der DDR-Literaturgeschichte. Einige dieser Arbeiten stellen wir hier in gekürzter Fassung vor. Vielen Dank an Yevgen Oks für die Einwilligung zur Publikation!

Von Yevgen Oks

Am 8.10.1982 legt der 35-jährige Autor Thomas Rosenlöcher sein vorläufig mit „Das Wunder, das zu Fuß ging“ betiteltes Buchprojekt dem Schriftstellerverband der DDR zum Gutachten vor. Es handelte sich hierbei um eine Sammlung von kurzen Prosastücken.

Thomas Rosenlöcher, der ein von 1976 bis 1979 laufendes Studium am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ abgeschlossen hatte, arbeitete bis 1982 als Assistent am Kindertheater Dresden und ist seit 1983 ausschließlich als freier Schriftsteller tätig. Zu seinen bekanntesten Werken gehören das Wende-Tagebuch „Die verkauften Pflastersteine“ (1990), die Gedichtbände „Schneebier“ (1988) und „Hirngefunkel“ (2012) und das Kinderbuch „Das langgestreckte Wunder“ (1989). Er selbst war 1982 kein Mitglied des Schriftstellerverbands. Sein erster Gedichtband „Ich lag im Garten bei Kleinzschachwitz“ war zu dem Zeitpunkt der Gutachtenerstellung bereits angekündigt, aber noch nicht erschienen.

Thomas Rosenlöcher 1991. Foto von Klaus Morgenstern. Quelle: SLUB / Deutsche Fotothek

Ein von Rosenlöcher geschriebenes Exposé zu seinem Buchprojekt neben zwei von den etablierten Autor*innen Waldtraut Lewin und Manfred Streubel erstellten Gutachten und einem Brief des Schriftstellerverbands an Rosenlöcher mit der Nachricht der Bewilligung eines Arbeitsstipendiums zur Fertigstellung des Projekts befinden sich im Archiv der Akademie der Künste, im Bestand „Schriftstellerverband der DDR“, unter der Signatur SV 2579.

Die Gutachten weisen einige Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf. Beide Autor*innen sprechen eine Empfehlung für Rosenlöcher aus, die den Erhalt eines Stipendiums des Schriftstellerverbands der DDR nach sich zog. Während aber das Gutachten von Streubel durchweg positiv ist, macht Lewin einige kritische Anmerkungen. Unter den von Rosenlöcher eingesandten Texten hebt sie auffällige Qualitätsunterschiede hervor und bemängelt fehlendes Bewusstsein für Textsorten und Genres. Unter anderem stellt sie infrage, ob einige der Geschichten „wirklich für Kinder geeignet sein mögen“,[1]W[altraut] Lewin: Zu den Kurzprosa-Versuchen von Thomas Rosenlöcher, in: Archiv der Akademie der Künste – AdK, Berlin, Schriftstellerverband der DDR, SV 2579. 1.12.1982, unpag. wie es Rosenlöcher vorschlägt. Ihr Gutachten fällt insgesamt wesentlich distanzierter aus als das Streubels. Auffällig ist, dass Lewin trotz ihrer Zustimmung eine Einordnung der Texte etwas schwerfällt, sie bemüht Vergleiche mit Kafka und Kusenberg, um Rosenlöchers neue Texte in einer literarischen Tradition zu verorten. Schließlich hebt sie als Begründung für ihre Empfehlung hervor: „Stimmen wie diese sind in unserer Landschaft höchst rar und höchst vonnöten.“[2]Lewin: Zu den Kurzprosa-Versuchen. Nicht nur an der Länge – das Gutachten Streubels ist doppelt so lang wie das Lewins – ist sein stärkerer Einsatz für Rosenlöcher zu erkennen. Streubels Gutachten ist stellenweise sehr persönlich, zum Beispiel, wenn er vorschlägt

den Autor (der viel zu bescheiden ist, sich selbst um eine finanzielle Förderung zu bemühen, obwohl er sie gar gut gebrauchen kann) ebenfalls zur Weiterarbeit an seiner vielversprechenden Lach-, Schmunzel- und Seufzerlektion zu ermutigen […].

Manfred Streubel: Gutachten, in: Archiv der Akademie der Künste – AdK, Berlin, Schriftstellerverband der DDR, SV 2579. September 1982, unpag.

Die Gutachten verraten auch einiges über die Verfasser selbst. Manfred Streubel, ebenfalls ein Lyriker, der sich in der Position eines geduldeten Außenseiters im Kulturbetrieb der DDR befand, bemüht sich, den von ihm als begabt erkannten jüngeren Kollegen zu unterstützen, während Waldtraut Lewin ein möglichst neutrales Gutachten verfasst, das an einigen Stellen ihre von den Texten Rosenlöchers hervorgerufene Irritation verrät. Ein interessantes Detail ist: Streubel unterschreibt mit seinem vollständigen Namen, während Lewin für ihren Vornamen nur den ersten Buchstaben verwendet, was möglicherweise auf Lewins wichtige Stellung innerhalb des Kulturbetriebs der DDR hinweist.

Das Dokument bietet einen Einblick in die Praxis und die Vorgänge im Literaturbetrieb der DDR. Es zeigt beispielhaft die Möglichkeiten auf, die sich einem aufstrebenden Autor boten, und zugleich seine Abhängigkeit von der Institution Schriftstellerverband. Zugleich markiert das Dokument eine wichtige Wendung in Rosenlöchers schriftstellerischer Laufbahn. Das aus den Gutachten Lewins und Streubels resultierende Stipendium ermöglichte ihm 1983 den Übergang in die Tätigkeit als freier Schriftsteller. Bemerkenswert ist, dass dieses Stipendium, wie aus dem Brief des Schriftstellerverbands hervorgeht, in dem die Bewilligung bekanntgegeben wird, in „Höhe und Dauer sonst nicht in jedem Falle üblich“ war.

Nach der Lektüre der Gutachten bleiben einige Fragen offen. In Rosenlöchers Entwurf zu seinem Buchprojekt ist folgender Passus beachtenswert: „Durch die Beschäftigung mit kürzerer Prosa hoffe ich, in absehbarer Zeit zu komplexeren Gebilden, d. h. längerer, polyphoner Prosa zu kommen.“[3]Thomas Rosenlöcher: [Skizze zum Buchprojekt], in: Archiv der Akademie der Künste – AdK, Berlin, Schriftstellerverband der DDR, SV 2579. 8.10.1982 Handelt es sich hierbei um das Mitteilen von schriftstellerischen Plänen oder ist diese Aussage als ein Zugeständnis an eine bis heute übliche Schriftstellerlaufbahn zu verstehen, die mit Lyrik über Kurzprosa im Schreiben von Romanen ihre Vollendung findet? Oder sieht sich hier der Autor gezwungen, eine Legitimierung oder Rechtfertigung für das von ihm gewählte, im Grenzgebiet von Lyrik und Prosa angesiedelte Format zu suchen? Angesichts der von Waldtraut Lewin in ihrem Gutachten geäußerten Kritik erscheint diese Vermutung plausibel.

Eine andere spannende Frage ist, was aus dem Manuskript geworden ist. Denn Rosenlöcher hat zwar das Stipendium erhalten, der angekündigte Erzählband kam aber entweder gar nicht zustande oder wurde nicht veröffentlicht. Die Gründe dafür könnten entweder im künstlerischen oder im kulturpolitischen Bereich zu finden sein. Wenn der Band allerdings aus kulturpolitischen Gründen nicht veröffentlicht wurde, stellt sich die Frage, warum die angekündigten und teilweise schon verfassten Texte noch nach 1990 unveröffentlicht blieben.

Einiges spricht für die These, dass Rosenlöcher bei späteren Veröffentlichungen teilweise auf die Texte aus diesem nichtrealisierten Buchprojekt zurückgegriffen hat. Ein von Streubel erwähntes Prosastück, über das er schreibt, „da verwandelt sich ein Mensch namens Meier anhand eines einschlägigen Lehrbuches in ein Flußpferd und wundert sich, wieso ihn denn niemand (als solches) erkennt, obwohl er doch bis zum Halse im Wasser steckt und für 50 Mark Petersilie verzehrt“,[4]Manfred Streubel: Gutachten bildete offenbar die Grundlage für das 1991 erschienene Kinderbuch „Der Mann, der ein Flusspferd war“. Möglicherweise fanden auch weitere Prosastücke Eingang in spätere Werke, so zum Beispiel das Kinderbuch „Das langgestreckte Wunder“, das einen ähnlichen Titel wie das nichtrealisierte Buchprojekt aufweist. Sollten sich diese Vermutungen bestätigen, bietet das Dokument, neben seiner für den Kulturbetrieb der DDR in den 1980er Jahren exemplarischen Bedeutung auch einen Ausgangspunkt für die Erforschung der Textgenese von Thomas Rosenlöchers Prosa.

Ergänzung: Wie Yevgen Oks schreibt: Thomas Rosenlöchers unter dem Titel „Das Wunder, das zu Fuß ging“ geplanter Band mit „grotesker Kurzprosa“ kam nicht zustande. Und man wüsste gerne, was die Gründe dafür waren. Bei unseren Recherchen fanden wir jedoch: Drei der Geschichten veröffentlichte Rosenlöcher in der Zeitschrift „Temperamente“, Heft 3/1985 – „Der zählebige Luftballon“, „Drei Männer im Regen“  und „Schaum“.[5]Thomas Rosenlöcher: „Der zählebige Luftballon“, „Drei Männer im Regen“, „Schaum“, in: Temperamente. Blätter für junge Literatur 3 (1985), S. 83-86. Auf zwei andere Geschichten, die Rosenlöcher möglicherweise in späteren Werken aufgriff, wies Yevgen Oks schon hin. Nur zu gerne würde man sie alle lesen wollen.

References

References
1 W[altraut] Lewin: Zu den Kurzprosa-Versuchen von Thomas Rosenlöcher, in: Archiv der Akademie der Künste – AdK, Berlin, Schriftstellerverband der DDR, SV 2579. 1.12.1982, unpag.
2 Lewin: Zu den Kurzprosa-Versuchen
3 Thomas Rosenlöcher: [Skizze zum Buchprojekt], in: Archiv der Akademie der Künste – AdK, Berlin, Schriftstellerverband der DDR, SV 2579. 8.10.1982
4 Manfred Streubel: Gutachten
5 Thomas Rosenlöcher: „Der zählebige Luftballon“, „Drei Männer im Regen“, „Schaum“, in: Temperamente. Blätter für junge Literatur 3 (1985), S. 83-86.