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Beate Stanislau: Versuch eines Porträts

Von Daria Kolesova

Beate Stanislau 1986. Fotografie von Klaus Morgenstern. Quelle: SLUB / Deutsche Fotothek

Ich frage: ‚Haben Sie niemals, irgendwann einmal irgend etwas anderes gewollt?‘ ‚Nein‘, sagt Elke, ‚ich wollte immer Zootechniker werden.‘
Das ist ein Weg voller Geradheit, ohne Umwege. Brüche. Für mich stellt sich die Überlegung in Frage, ob ein zerrissener Lebensweg später zu besonderen Leistungen befähigt… Sie stimmt eben doch nicht in allen Bereichen und sicherlich auch nicht unbedingt in meinem.

Beate Stanislau: Wie ein Auftrag und sein Umstand zu dem Versuch einer Reportage über Elke Biskupek, DDR-Siegerin im Melk-Ausscheid 1985, und den Ort Schönau führten, in: Bauernmarkt. Dorfgeschichten einmal anders, Halle/Leipzig 1987, S. 180.

Brüche in den Biografien der Absolvent*innen des Literaturinstituts Johannes R. Becher sind ein auffallender Bestandteil ihrer so unterschiedlichen Lebenswege. Gerade am Beispiel Beate Stanislaus lassen sich biografische Brüche nachzeichnen: 1942 in Berlin-Pankow geboren, studiert Beate Stanislau nach dem Abitur zunächst Malerei an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, bricht dieses Studium 1963 jedoch ab. Stattdessen arbeitet sie in neun (!) verschiedenen Berufen: als Hilfs- und Rotationsarbeiterin, Botin, Korrektorin, Bibliothekarin, Spritzmalerin, Sekretärin, Tastomatsetzerin und Archivtechnikerin.

Fast zwanzig Jahre nach dem Abbruch des ersten Studiums absolviert Beate Stanislau 1982 erfolgreich das Direktstudium am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Daraufhin arbeitet sie zunächst als kulturpolitische Mitarbeiterin im Zoo Leipzig und übernimmt anschließend die Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit für die Volkseigene Handelsorganisation (HO) Gaststätten Leipzig. Gleichzeitig erscheinen ihre Erzählungen „Das Mädchen und der Alte“ (1983) und „Die Erbschaft“ (1986). 1987 wird die Autorin Mitglied im Deutschen Schriftstellerverband der DDR. Aus diesem Jahr stammt auch die eingangs zitierte Anthologie mit dem Titel „Bauernmarkt. Dorfgeschichten einmal anders“ (1987).

Interessant an der Anthologie ist zum einen die aus heutiger Sicht recht ungewöhnliche Entstehungsgeschichte, die in der Zusammenarbeit des Zentralvorstands der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, des Schriftstellerverbands der Deutschen Demokratischen Republik und des Mitteldeutschen Verlags Halle/Leipzig begründet ist. Der Mitteldeutsche Verlag, so zeigen die in unserem Forschungsprojekt erhobenen Daten, bildete eine wichtige Institution für die Studierenden des Literaturinstituts Johannes R. Becher: Absolvent*innen arbeiteten als Lektor*innen oder nutzten den Verlag, um eigene Werke zu veröffentlichen. Die Beteiligung des DDR-Schriftstellerverbandes ist insofern hervorzuheben, dass nur drei Jahre nach Erscheinen der Anthologie dieselbe Institution gemeinsam mit der DDR ihr Ende fand. Dasselbe Schicksal traf die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe. In dem Vorwort der Anthologie erklärt der von 1987 bis 1990 amtierende Präsident des Schriftstellerverbandes Hermann Kant, dass auf dem Land und in der Stadt die gleichen Bücher gelesen werden. „Gut“, schreibt Hermann Kant, die Anthologie sei „bei Gelegenheit des Bauernkongresses entstanden, aber das meint am Ende ja auch nur: bei Gelegenheit eines bedeutenden gesellschaftlichen Ereignisses.“[1]Hermann Kant: Schreiben und Wirken. Vorwort, in: Bauernmarkt. Dorfgeschichten einmal anders, Halle/Leipzig 1987, S. 5–6, hier: S. 6. Von diesem berichtet Beate Stanislau, deren Titel als einziger im Inhaltsverzeichnis der Anthologie die Länge einer Zeile überschreitet und sich gleich den Raum von fünf Zeilen nimmt: „Wie ein Auftrag und sein Umstand zu dem Versuch einer Reportage über Elke Biskupek, DDR-Siegerin im Melk-Ausscheid 1985, und den Ort Schönau führten.“ Dieser Titel beantwortet die berühmten ‚W-Fragen‘ und setzt zugleich das Setting der Erzählung: Den Schreibauftrag erteilte der Mitteldeutsche Verlag, im Vordergrund steht die Siegerin des Melkwettbewerbs 1985 und die Handlung spielt in Schönau in Thüringen. Den Gattungshinweis „Reportage“ relativiert die Autorin mit dem Zusatz „Versuch einer…“. Dennoch ist Stanislau der Faktizität verbunden, so wird im Laufe der Erzählung der Entstehungskontext an wiederkehrenden Stellen transparent nachgezeichnet:

Am Freitag, dem 2. Mai 1986, nach einer Feierstunde im Festsaal des Alten Rathauses/Leipzig aus Anlaß der ‚Woche des Buches‘ hörte ich das erste Mal vom Verlagsdirektor des Mitteldeutschen Verlages – gerade, als mich die Schinken- und Salamischeiben, gefüllten Eier und anderes vom kalten Büfett […] mehr oder weniger stark anzogen und meine Gedanken weit weg von jeglicher Schriftstellerei waren –, daß für das Jahr 1987 aus Anlaß des bevorstehenden XIII. Bauernkongresses der DDR eine Anthologie vorgesehen sei.

Beate Stanislau: Wie ein Auftrag und sein Umstand zu dem Versuch einer Reportage über Elke Biskupek, DDR-Siegerin im Melk-Ausscheid 1985, und den Ort Schönau führten, in: Bauernmarkt. Dorfgeschichten einmal anders, Halle/Leipzig 1987, S. 176–187, hier: S. 179.

Nach anfänglichem Zögern willigt Stanislau ein, den Auftrag anzunehmen, scheitert jedoch zunächst an der Beschaffung der richtigen Adresse von Elke Biskupek. Derweil bekommt die Autorin Post, ein Dankschreiben des SED-Zentralkomitees für die Mitwirkung an der Anthologie: „Mit sozialistischem Gruß… Der kalte Angstschweiß brach mir aus“.[2]Beate Stanislau: Wie ein Auftrag und sein Umstand zu dem Versuch einer Reportage über Elke Biskupek, DDR-Siegerin im Melk-Ausscheid 1985, und den Ort Schönau führten, in: Bauernmarkt. … Continue reading Letztlich gelingt es Stanislau, die Adresse in Erfahrung zu bringen, sie resümiert: „Postalische Angelegenheiten alles in allem allein an diesem Tag, Betrag: 27 ,– M[ark].“[3]Ebd. Als Stanislau in Thüringen auf Elke Biskupek trifft, stellt sie fest: „Das Da-Sein von Elke Biskupek hat keinen Journalismus nötig“.[4]Ebd., S. 177.

Indirekt gibt sich auch die Fragende biografisch zu erkennen, wenn es heißt: „Sie [Elke Biskupek] gehört zur Generation, die auf die Nachkriegsgeneration folgt. Am Leben selbst, glaube ich, ich meine an der tieferen Schicht des Lebens, ändert diese Tatsache nichts. Es ist nur so, daß ihr Spielplatz kein Bombentrichter war, ihr Spielzeug keine leere Patronenhülse“.[5]Ebd., S. 180. Es gab „in der Klasse von Elke keine Schwierigkeiten für die Schüler in der Berufswahl und im Auffinden einer Lehrstelle. Elke entsinnt sich zu meiner Verwunderung nicht eines einzigen, der nicht das geworden ist, was er auch werden wollte.“[6]Ebd., S. 181. Die Autorin hakt nach:

Ich frage, ob dieses einfache, unkomplizierte Hineingehen in die schon so früh festgefügte Lebensbahn vielleicht am fehlenden Angebot von Möglichkeiten liegt, am eingeschränkten Anreiz und der beschränkten Berufsauswahl überhaupt. Elke sagt: „Vielleicht.“ Aber dieses „vielleicht“ hört sich an, als sei mein Gedankengang nicht gerade abwegig, aber doch so, als ob er eine normale Sache unnütz verkomplizieren oder mit einem nicht integeren Geruch umgeben wollte. Angebot und Nachfrage hält sich (zumindest, was die Berufswünsche angeht) in diesem Teil unseres Landes offensichtlich noch die Waage.

Beate Stanislau: Wie ein Auftrag und sein Umstand zu dem Versuch einer Reportage über Elke Biskupek, DDR-Siegerin im Melk-Ausscheid 1985, und den Ort Schönau führten, in: Bauernmarkt. Dorfgeschichten einmal anders, Halle/Leipzig 1987, S. 176-187, hier: S. 181.

Ende der 1980er Jahre verliert sich die Spur in der Recherche zu Beate Stanislau und lässt sich erst 2011 weiterführen: Die Autorin und Künstlerin wird mit der Ausstellung „Zuhause auf der Straße“ in der Schweiz, St. Gallen gewürdigt. Aus einem dazugehörigen Artikel im schweizerischen „Tagblatt“ geht hervor, dass Beate Stanislau „1989 die DDR noch vor dem Mauerfall verlassen hat“[7]Ursula Badrutt Schoch, Tagblatt, 30.03.2011: https://www.tagblatt.ch/kultur/sehnsucht-nach-landung-ld.164311 (zuletzt abgerufen am 22.11.2021.) und seit 1994 obdachlos lebe, daraufhin wird Stanislau zitiert: „Ich hatte alle sozialen Bindungen hinter mir gelassen und versuchte eine Freiheit, die es nicht gab und niemals geben konnte, denn der Mensch war und blieb ein gesellschaftliches Wesen und zudem war ich eine Frau. […] Meine Wege wurden immer seltsamer und hatten jegliche Kontinuität verloren.“[8]Ebd.

Die Künstlerin, Erzählerin, Lyrikerin, Film- und Hörspielautorin Beate Stanislau verstarb 2015 und fand ihre letzte Ruhestätte auf einer Insel an der Ostseeküste, auf Hiddensee. Im Schreiben sah die Autorin „eine Möglichkeit, den Ausgleich zwischen gegensätzlichen Kräften, das Streben nach einer dem menschlichen Maß entsprechenden Ruhe zu versuchen, vor der Welt, den anderen Menschen zu bestehen.“[9]Brigitte Böttcher / Erdmute Hufenreuter (Hg.): Bestandsaufnahme 3. Debutanten 1981–1985, Halle/Leipzig 1987, S. 94–95.

Beate Stanislaus Grab auf Hiddensee 2021. Das Foto stellte uns Kerstin Hensel zur Verfügung.

References

References
1 Hermann Kant: Schreiben und Wirken. Vorwort, in: Bauernmarkt. Dorfgeschichten einmal anders, Halle/Leipzig 1987, S. 5–6, hier: S. 6.
2 Beate Stanislau: Wie ein Auftrag und sein Umstand zu dem Versuch einer Reportage über Elke Biskupek, DDR-Siegerin im Melk-Ausscheid 1985, und den Ort Schönau führten, in: Bauernmarkt. Dorfgeschichten einmal anders, Halle/Leipzig 1987, S. 176–187, hier: S. 182.
3 Ebd.
4 Ebd., S. 177.
5 Ebd., S. 180.
6 Ebd., S. 181.
7 Ursula Badrutt Schoch, Tagblatt, 30.03.2011: https://www.tagblatt.ch/kultur/sehnsucht-nach-landung-ld.164311 (zuletzt abgerufen am 22.11.2021.)
8 Ebd.
9 Brigitte Böttcher / Erdmute Hufenreuter (Hg.): Bestandsaufnahme 3. Debutanten 1981–1985, Halle/Leipzig 1987, S. 94–95.