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Porträts & Fundstücke
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Helga M. Nowak — eine deutsch-isländische Autorin im Spiegel ihrer Zeit
Welche Beziehung bestand zwischen der isländischen Staatsbürgerin María Karlsdóttir und dem Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ (IfL) in Leipzig, welches Zeit seines Bestehens die einzige universitäre Ausbildungsstätte für Schriftsteller im deutschsprachigen Raum gewesen ist? Wer war diese Frau, die zeitweise u. a. auch Maria Vigfússon hieß? Und welche Rolle spielte das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) dabei?
Am 8. September 1935 ist in Berlin ein Mädchen geboren worden, das den Namen Helga Maria erhielt und von ihren Eltern sogleich zur Adoption freigegeben wurde. Die Kinderjahre während der Zeit des Nationalsozialismus verbrachte es bei seinen Adoptiveltern Karl und Charlotte Nowak. Helga Maria Nowak besuchte ab 1941 die Volksschule, zwischen 1950 und 1954 die Oberschule[1] und trat am Todestag Josef Stalins in die SED ein.[2] Nach dem Abitur zog sie nach Leipzig und begann dort ein Studium der Journalistik. Während dieser sozialistischen Ausbildung wurde Nowak zur „dóttur hins nýja þjóðskipulags í Austur-Þýskalandi“[3] – Tochter der neuen Gesellschaftsordnung in der DDR – doch geriet sie zunehmend in einen Konflikt mit dem Sozialismus, der dazu führte, dass sie 1957 aus politischen Gründen exmatrikuliert wurde.
Mit ihrem damaligen Verlobten Eysteinn Þorvaldsson (23.6.1932–8.9.2020[4]) beging Nowak Ende 1957 sog. Republikflucht, zog aus der DDR nach Island, wo sie dann verschiedenen Hilfsarbeiten, so beispielsweise in einer fischverarbeitenden Fabrik sowie in einer Wollwarenweberei, nachging. Gelegentlich findet sich die Mutmaßung, dass Helga M. Nowak und Eysteinn Þorvaldsson ein gemeinsames Kind gehabt haben sollen.[5] Diese Behauptung lässt sich aber nicht bestätigen.[6]
Schließlich kam Nowak 1958 wieder in die DDR zurück. Hier lernte sie auch ihren späteren Ehemann, ebenfalls einen Isländer, kennen.[7] Am 1. Juli 1960 heiratete sie Þór Vigfússon (2.4.1936–5.5.2013[8]) in der DDR.[9] 1961 – in Berlin war gerade die Mauer gebaut worden – verzog das Paar nach Island. Dort gab sie ihr erstes Buch im Selbstverlag heraus.[10] Außerdem erlernte sie die isländische Sprache. In der DDR wurden ihre Werke übrigens nicht veröffentlicht.[11] Ihre einzige Tochter wurde 1962 in der Ehe mit Þór Vigfússon geboren.[12]
Im Jahre 1965 kehrte Helga Maria Vigfússon abermals in die DDR zurück. In Leipzig nahm sie am 4. September jenen Jahres ein Studium am IfL auf, von dem sie schon am 14. Dezember aus politischen Gründen wieder exmatrikuliert wurde.[13] Die Schriftsteller-Studentin war in ein Spannungsfeld zwischen ihren literarischen Idealen und den politischen Ansprüchen der DDR geraten. Bemerkenswert ist dabei auch die Tatsache, dass Helga M. Nowak, verheiratete Vigfússon, sich ihre sämtlichen personenbezogenen Dokumente vom IfL aushändigen ließ,[14] sodass es heute wohl nur noch an Hand von Zeitzeugeninterviews möglich ist, ihre dortige Studienzeit in Einzelheiten zu rekonstruieren. Zu Nowaks Kommilitonen zählten u. a. Karl Wurzberger, Horst-Ulrich Semmler, Rosemarie Fret und Karin Raischies.[15]
Anfang 1966 stellte sie sodann einen Ausreiseantrag und verließ endgültig die DDR nach Island. Durch ihre Ansichten war sie zu einer unerwünschten Person in der DDR geworden. Per Gesetzesbeschluss des Alþingi (isländischen Parlaments) über die Gewährung der isländischen Staatsbürgerschaft wurde Helga Maria Vigfússon am 30. April 1966 die isländische Staatsangehörigkeit gewährt,[16] weil sie schon zuvor drei Jahre lang mit ihrem isländischen Ehemann in Island gelebt hatte.[17] In diesem Zusammenhang nahm sie ihren isländischen Namen an. Bis heute sind in Island Patronyme, also an Stelle eines Familiennamens vom Rufnamen des Vaters abgeleitete Abstammungsnamen, üblich. Helga Maria Vigfússon war (Adoptiv-)Tochter von Karl Nowak, sodass ihr islandisierter Name María Karlsdóttir (Karls Tochter) wurde. Gleichzeitig hat sie die Staatsbürgerschaft der DDR verloren; jene der BRD hingegen nie beantragt.[18]
Doch auch auf der Insel im Nordatlantik blieb ein länger währendes familiäres Glück verwehrt. Die Ehe wurde 1968 geschieden[19] und María Karlsdóttir verzog in die Bundesrepublik Deutschland. Regelmäßig kehrte sie besuchsweise nach Island zurück. Im Dezember 1982 gab sie der Zeitschrift „Helgarpósturinn“ ein Interview und berichtete über Schwierigkeiten ostdeutscher Autoren in der BRD, insbesondere den harten Konkurrenzkampf.[20]
Nach der politischen Wende 1989/90 in der DDR wurde sie von ihrer Vergangenheit eingeholt. In einem Offenen Brief im „Spiegel“ gestand sie ein, für das MfS tätig gewesen zu sein und ausländische Studenten bespitzelt zu haben.[21] Tatsächlich füllt der Umfang der Stasi-Akte zu Helga M. Nowak mit einer Laufzeit von 1957 bis 1989 einen ganzen Aktenordner. Darin findet sich auch ihre Verpflichtungserklärung von 1957.[22] Vergessen werden darf hierbei allerdings nicht, dass auch ihr (späterer) Ehemann Þór Vigfússon seinerseits im Auftrag der Kommunistischen Partei Islands mutmaßlich Spionagetätigkeiten in der DDR begangen haben soll.[23]
Die neuen Zeiten brachten noch eine weitere Schwierigkeit für María Karlsdóttir mit sich. Als isländische Staatsbürgerin, die nach 1990 nie ihren dauerhaften Wohnsitz in Deutschland bestätigen ließ, hatte sie vorerst auch kein Anrecht auf Sozialleistungen.[24] Ihre literarischen Werke indessen zeugen vom Beherrschen der deutschen Sprache – jener Voraussetzung, welche es seit einer Gesetzesänderung auch ausländischen Staatsangehörigen in Deutschland erlaubt, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen.[25]
Helga M. Nowak alias María Karlsdóttir verstarb am 24. Dezember 2013 in Rüdersdorf bei Berlin.
Quellenverzeichnis:
Archivquellen:
Bundesarchiv, BA MfS AIM 916/61 Bd. 1.
Bundesarchiv, BA MfS AP 1382/92.
Forschungsplattform Literarisches Feld DDR: Helga M. Novak.
RÚV, DB9213. Samtímaskáldkonur, 1.10.1985.
RÚV, 015268-0010-01. Orð um bækur, 9.12.2012.
Sammlung Jacob, Berlin: Helga M. Nowak.
Þjóðskrá Íslands, Auskunft vom 31.1.2024.
Gedruckte Quellen:
Alþingi: Lög 18/1966 um veitingu ríkisborgararéttar. 9. mál, nefndarálit 507, 19.4.1966.
Alþingi: Lög 18/1966 um veitingu ríkisborgararéttar. 9. mál, lagafrumvarp 663, 30.4.1966.
Morgunblaðið: Minningar, 18.5.2013, S. 32.
Morgunblaðið: Minningar, 22.9.2020, S. 21f.
[O.V.]: Þýzk stúlka, búsett á Íslandi. In: Morgunblaðið, 14.12.1967, S. 17.
[O.V.]: Þýsk skáldkona segist hafa unnið fyrir Stasi. In: Morgunblaðið, 7.11.1991, S. 20.
[O.V.]: Flýði land ásamt Íslendingi sem njósnað hafði um systurflokkinn. In: Morgunblaðið, 12.11.1991, S. 27.
[O.V.]: Íslenskir námsmenn undir eftirlit Stasi í Leipzig. In: Tíminn, 9.11.1991, S. 26.
Tanneberger, Horst/ Hillich, Reinhard: Literatur in der SBZ/DDR. Bibliographische Annalen 1945-1990. Begründet von Herbert Jacob. Berlin 2021.
Thoroddsen, Ásdís: Ekki hrædd lengur. In: Helgarpósturinn, 22.12.1982, S. 6.
Autorin: Marianne Jacob
[1] Vgl. Sammlung Jacob: Helga M. Nowak.
[2] Vgl. Thoroddsen, Ásdís: Ekki hrædd lengur. In: Helgarpósturinn, 22.12.1982, S. 6.
[3] RÚV, DB9213. Samtímaskáldkonur, 1.10.1985.
[4] Vgl. Morgunblaðið: Minningar [Todesanzeigen], 22.9.2020, S. 21.
[5] Vgl. [O.V.]: Íslenskir námsmenn undir eftirlit Stasi í Leipzig. In: Tíminn, 9.11.1991, S. 26.
[6] Vgl. Minningar, 22.9.2020, S. 21.
[7] Vgl. [O.V.]: Þýzk stúlka, búsett á Íslandi. In: Morgunblaðið, 14.12.1967, S. 17.
[8] Vgl. Minningar, 18.5.2013, S. 32.
[9] Vgl. Þjóðskrá Íslands: Auskunft an den Verfasser vom 31.1.2024. Der genaue Ort der Eheschließung darf gemäß deutscher Personenstandsgesetze nicht veröffentlicht werden.
[10] Vgl. Samtímaskáldkonur.
[11] In den „Bibliographischen Annalen“ wird Helga M. Novak mit zwei Publikationen geführt: Bei diesen handelt es sich aber zum einen um einen Beitrag in der inoffiziellen Zeitschrift „Zweite Person“ aus dem Jahr 1987 (vgl. Tanneberger, Horst/ Hillich, Reinhard: Literatur in der SBZ/DDR. Bibliographische Annalen 1945-1990. Begründet von Herbert Jacob. Berlin 2021, Bd. VI, S. 3471f.) und zum anderen um einen Abdruck in einem Lesebuch des Internationalen Deutschlehrerverbandes aus dem Jahr 1989 als gemeinschaftliche Herausgabe mit dem bundesdeutschen Langenscheidt-Verlag (vgl. ebd., S. 3614).
[12] Vgl. Minningar, 18.5.2013, S. 32.
[13] Vgl. BA MfS AP 1382/92, S. 25.
[14] Vgl. Sammlung Jacob nach Sächsischem Staatsarchiv Leipzig.
[15] Vgl. Forschungsplattform Literarisches Feld DDR: Helga M. Novak.
[16] Vgl. Alþingi: Lög 18/1966 um veitingu ríkisborgararéttar. 9. mál, lagafrumvarp 663, 30.4.1966.
[17] Vgl. ebd., 9. mál, nefndarálit 507, 19.4.1966.
[18] Vgl. RÚV, 015268-0010-01. Orð um bækur, 9.12.2012.
[19] Vgl. Minningar, 18.5.2013, S. 32.
[20] Vgl. Ásdís Thoroddsen.
[21] Vgl. [O.V.]: Þýsk skáldkona segist hafa unnið fyrir Stasi. In: Morgunblaðið, 7.11.1991, S. 20. – Dort auch Abdruck des Offenen Briefes.
[22] Vgl. BA MfS AIM 916/61 Bd. 1, S.14.
[23] Vgl. [O.V.]: Flýði land ásamt Íslendingi sem njósnað hafði um systurflokkinn. In: Morgunblaðið, 12.11.1991, S. 27.
[24] Vgl. Orð um bækur.
[25] Vgl. ebd.
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Kurzporträt: Franz Freitag
Unter dem provokanten Titel „Der Egoist“ wurde 1968 im Theater in Neustrelitz ein „heiteres Stück in 8 Bildern“ vom Autor Franz Freitag uraufgeführt. Kern der Handlung ist der Erfolg des Vorsitzenden einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), der auf egoistischen und nicht immer ganz legalen Aktionen beruht. Anlaß, ihm eine Lehre zu erteilen, ist der Diebstahl von Baumaterialien für „seine“ LPG. Das Stück war so erfolgreich, dass es von einigen Bühnen ins Repertoire aufgenommen und auch im Ausland gespielt wurde. Als literarische Vorlage diente das im Berliner Henschelverlag erschienene maschinenschriftlich vervielfältigte Bühnenmanuskript.1Die Premiere fand in Berlin am 26. 3. 1969 am Maxim-Gorki-Theater unter der Regie von Frank Beyer und Albert Hetterle2 mit namhaften Schaupielern statt. Als Hörspiel wurde das Stück im Rundfunk der DDR am 25. 6. 1969 gesendet. Das Fernsehen der DDR strahlte das Stück am 2. Juni 1972 aus.3

Franz Freitag. Mit freundlicher Genehmigung von Edith Freitag4
Wer war der erfolgreiche Autor Franz Freitag? Der Sohn eines Schlossers und einer Köchin, 1925 in Lassan geboren, legte nach dem Besuch der Volksschule 1942 die Gesellenprüfung als Graugußformer und Gießer ab.5 Seit 1939 gehörte er der Hitlerjugend an und war er seit 1943 Mitglied in der NSDAP.[6] Im II. Weltkrieg zur Luftwaffe eingezogen, wurde er 1945 verwundet und verlor ein Auge. Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft wurde er zur Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ delegiert, war Kreissekretär der FDJ in Prenzlau und arbeitete dort später in der Kreisleitung der SED.[7] 1953 erhielt er eine „Parteistrafe und ging in die Produktion“.[8] Durch die „Ereignisse des 17. Juni 1953“ wurde er „als Anerkennung“ für seinen „Einsatz in der Polit[ischen] Abt[eilung) beim Ministerium für Eisenbahn berufen“.[9] Seit 1957 lebte Freitag in Neustrelitz. Von 1959 bis 1961 studierte er am Institut für Literatur in Leipzig; zu seinen Mitstudenten gehörten Horst Enke, Herbert Klecha, Paul Rölle und Günter Rumposch. Nach dem Studium wurde Freitag freischaffend und veröffentlichte 1963 ein Lustspiel, gefolgt von dem Schwank „Sorgenkinder“ (1965). Großen Erfolg erreichte er nochmals mit seiner Komödie „Die Zwillinge“, die als „Fernsehfilmlustspiel“ mit dem populären DDR-Schauspieler Rolf Ludwig 1973 ausgestrahlt wurde. In der Komödie wird gezeigt, was alles passieren kann, wenn ein Schriftsteller und ein Warenhausdirektor ihre Rollen tauschen.
Autorin: Marianne Jacob
[1] Freitag, Franz: Der Egoist. Ein heiteres Stück in 8 Bildern. Berlin 1968
[2] Sammlung Jacob
[3] Ebenda
[4] Sammlung Jacob. Foto Franz Freitag
[5] Freitag, Franz: Lebenslauf. Ungedr., Sammlung Jacob 1959
[6] Ebenda
[7] Sammlung Jacob
[8] Freitag, Franz: Lebenslauf. Ungedr. Sammlung Jacob 1959
[9] Ebenda
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Kurzporträt: Ulrich Berkes
1987 erschien das erste in der DDR publizierte Buch über Homosexualität. Autor war der Lyriker Ulrich Berkes.
Der 1936 in Halle geborene Sohn eines Architekten und einer Hausfrau absolvierte mehrere Ausbildungen und ging verschiedenen beruflichen Tätigkeiten nach, bevor er schließlich Schriftsteller wurde. Da er ursprünglich Unterstufenlehrer werden wollte, studierte er nach dem Abschluß der Polytechnischen Oberschule in Bad Salzungen zwischen 1954 und 1957 am Lehrerbildungsinstitut in Meiningen.[1] Anschließend arbeitete er als Dreher und Fräser, als Hilfsarbeiter, Zeichenlehrer und Pionierleiter, Güte- und Materialprüfer.2 Von 1967 bis 1970 studierte Berkes am Leipziger Institut für Literatur. Zu seinen Kommilitonen gehörten Klaus Bourquain, Egbert Lipowski, Horst Matthies, Waldemar Spender und Meike Schmieder. Gleich nach dem Abschluß des Studiums wurde Berkes, der sich schon frühzeitig in Arbeitsgemeinschaften Junger Autoren sowie in Zirkeln Schreibender Arbeiter engagierte, freischaffend. 1977 war er Kandidat des Schriftstellerverbandes der DDR, später dessen Mitglied. Berkes veröffentlichte in mehreren Anthologien erste Gedichte und wurde mit dem Band Prosagedichte „Ikarus über der Stadt“ (1976) bekannt. In dieser Zeit erhielt er auch diverse Arbeitsstipendien des Berliner Aufbau-Verlages 3 und veröffentlichte 1984 den Gedichtband „Tandem“, in dem er auch die Zeit am Leipziger Literaturinstitut reflektiert:
Klassiker
Wenn Shakespeare käme und sagte
Putz mir die schuhe, ich würde
Die schuhe ihm putzen, auch
Brecht würd ich sie putzen
Obwohl, der ist nicht so groß wie
Shakespeare, aber ich würde, sagte
Georg Maurer im seminar lyrik.
Ich sah nach seinen schuhn.[4]

Ulrich Berkes. Mit freundlicher Genehmigung
Berkes, der in seinen Werken das Thema der Homosexualität aufgreift, publizierte 1987 das Tagebuch „Eine schlimme Liebe“. Hier verfolgte er „zwei Linien: Erstens: Leben und Werk von Isidore Ducasse (Lautréamont)“ und „Zweitens: Die unvorhersehbaren Tage meines Lebens mit Martin, eine Zickzachklinie aus alltäglichen Fakten, Arbeit, Begegnungen, Reisen, Erinnerungen und Träumen“5:
9. Januar (1985)
Bei meinem ersten Buch ist es mir nicht gelungen, aber diesmal: Ich sehe, wie jemand „Tandem“ kauft.
Es ist ein Mädche, mit Brille und langem Haar über braunem Pelzmantel, wahrscheilich eine Studentin. Ich beobachte, wie sie in der Brecht-Buchhandlung ein Exemplar von dem hohen Stapel nimmt und darin liest.
Sie legt es bestimmt wieder zurück, denke ich, zurück auf den Stapel, neben Helga Schuberts Buch.
Nein, sie nimmt es mit.
Ich würde gern wissen, warum sie es kauft; aber das werde ich nicht erfahren.“[6]
Ulrich Berkes verstarb im Dezember 2022 in Berlin. Die Verfasserin dankt ihm und Herrn Strecker für die hilfreiche Teilnahme an der Fragebogenaktion und die freundliche Unterstützung der Forschungsarbeiten.
Autorin: Marianne Jacob
1 Ulrich Berkes: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob
2 Sammlung Jacob
3 Ulrich Berkes: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob
4 Berkes, Ulrich: Tandem. Berlin 1984, S. 26.- Vgl auch S. 25: Die straße (!) Georg Maurers
5 Berkes, Ulrich: Eine schlimme Liebe. Tagebuch. [Umschlagtext]
6 Berkes, Ulrich: Eine schlimme Liebe. Berlin 1987, S. 269
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Kurzporträt: Dagmar Zipprich
In den Anfangsjahren waren am Literaturinstitut Johannes R. Becher Studentinnen noch unterrepräsentiert. So wurde im Jahrgang 1960 von zehn Student:innen nur eine Frau immatrikuliert.
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Kurzporträt: Rosemarie Fret
(mehr …)IN EINER FOTOGRAFENFAMILIE geboren zu werden, heißt, schon früh mit dem Auge Dreiäugleins vertraut zu sein. Ich erlernte diesen Beruf in der dritten Generation. Jedoch anders als damals zu ihrer Zeit hatte ich in der meinen reaktionsschnell zu sein, ja, oft sogar aggressiv, Eigenschaften, die ich – wie mir bald bewusst wurde – nicht besaß. Während ich noch ungläubig staunend verharrte, hielten andere schon die Kamera vor das Auge, und ihr motorisches Schnellfeuer war unüberhörbar. Ich bewunderte so manches dieser Bilder, aber mir hätte sich in diesem Moment mit dem Klicken meiner Kamera wie mit dem Schnippschnapp einer Schere ein Lebensfaden durchschnitten, der mich auf unerklärliche Weise mit dem Geschehen verband. So fing ich zu schreiben an.
Aus: Rosemarie Fret: Mit bloßen Augen. Romanstücke. Halle (Saale) 2010. Mit freundlicher Genehmigung von Rosemarie Fret
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Literatur als „Herzenssache”. Nachruf auf Gerhard Wolf
Gerhard Wolf und die Studierenden der deutschen Literatur – das ist eine Geschichte beglückender und inspirierender Begegnungen. Sie begann mit seinem Besuch bei uns an der Humboldt-Universität im Juni 2015. Die gerade erst gegründete studentische Arbeitsgruppe „Christa Wolf andernorts“ hatte den Essayisten und Herausgeber eingeladen, von der Gründung seines Verlags Januspress zu erzählen. Noch gab es keinen eigenen Ort, wir trafen uns im Heiner Müller Transitraum.
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Kurzporträt: Jürgen Köditz
„Als Kinder lernten wir die Schokoladenseiten der DDR kennen. Wir durften kostenlos unsere Ferien in Betriebsferienlagern in waldreichen Landschaften mit Spiel, Wanderungen und Gesang verbringen. Aber schon damals behagte vielen nicht, dass wir jeden Morgen zum Fahnenappell antreten mussten. So schlich sich […] Disziplinierung unmerklich in unser Kinderleben“, beschreibt Autor Jürgen Köditz seine Kindheit im „Bilderbuch-Sozialismus“.[1]Jürgen Köditz: Erinnerungen an ein Leben im „Bilderbuch-Sozialismus“. Arbeiterschriftsteller und Staatsfeind, in: Gerbergasse 18 (59) 2010, S. 15.

Köditz wurde 1939 als Sohn eines Buchhalters und einer Sparkassenangestellten in Jena geboren und erlernte nach dem Abschluss der 8. Klasse den Beruf eines Bauschlossers.[2]Jürgen Köditz: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. Er las viel, beobachtete seine Arbeits- und Umwelt und begann Artikel „über die Abfallentsorgung in die Saale zu schreiben“[3]Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Göttingen 2018, S. 387., die nie publiziert wurden. Seit 1964 wirkte er im Zirkel Schreibender Arbeiter Carl Zeiss Jena.[4]Jürgen Köditz: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. . Fünf Jahre später gehörte er zu den ersten Fernstudenten des damals neu eingerichteten Studienganges am Institut für Literatur Leipzig; gemeinsam mit seinen Kommilitonen Rudolf Prinz (+), Friedrich Plate und Peter Biele wechselte er dann dort 1970 in das Direktstudium.[5]Interview mit Marianne Jacob.
Köditz, ausgestattet mit derbem Humor, unangepasst, „zu sozialistischen Idealen erzogen“, hat „mit spitzer Feder viele Missstände aufgespiesst“, so seine Selbstauskunft.[6]Jürgen Köditz: Erinnerungen an ein Leben im „Bilderbuch-Sozialismus“, S. 16. „So geschah es schon im ersten Monat am Literaturinstitut“[7]Ebd. , als Köditz mit einer literarischen Arbeit über seine negativen Erlebnisse bei der Nationalen Volksarmee berichtete. „Ein besonders wachsamer Student […] empörte sich bei der Institutsleitung“ und Köditz erhielt einen „schweren Verweis wegen Klassenfeindlichkeit.“[8]Ebd.
Der Kommilitone Steffen Mohr (+) bezeichnet Köditz als „Naiven“[9]Lehn et al: Schreiben lernen im Sozialismus, S. 411., in den Stasi-Akten über ihn wurde er als „Träumer“[10]Jürgen Köditz: Erinnerungen an ein Leben im „Bilderbuch-Sozialismus“, S. 18. geführt. 1976 erschien sein erster Gedichtband, mit nachdenklichem, sachlichem und auch kritischem Blick auf Arbeitsalltag, Natur und Zukunft:
Meine Spur
Wer auf der Planierraupe sitzt,
schiebt viel über den Haufen.
…
Weh tut mir manchmal,
einzuplanieren,
die letzte Trollblume,
das letzte Froschkonzert
vor unserer Stadt
Jürgen Köditz: Meine Spur, in: Ders.: Meine Blaujackenzeit. Gedichte. Berlin 1976, S. 51.
Seine unbequemen, spöttischen, nachdenklichen, anprangernden und auch mahnenden Aphorismen „Spitzensalat“ erschienen im Wendejahr im Eulenspiegel Verlag Berlin. Köditz resümiert: „Einst gefördert von den Genossen wurde ich zweimal ins literarische Abseits befördert: in der DDR und in den Jahren danach bis heute.“[11]Ebd. Im Jahr 2005 zog Köditz nach Brasilien und gründete dort eine Familie.[12]Jürgen Köditz: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob.
Im Elfenbeinturm der Erkenntnis
1. Anordnung:
Über die Hauptbelastung für Energie –
sparsam sein.
2. Anordnung:
Über Belastbarkeit der Werkzeuge
und Maschinen – pfleglich
und rationell mit ihnen umgehen.
3. Anordnung:
Über Belastbarkeit von Menschen –
noch immer in Vorbereitung.
Jürgen Köditz: Im Elfenbeinturm der Erkenntnis, in: Ders.: Spitzensalat. Berlin 1989, S. 72.
Autorin: Marianne Jacob
References
| ↑1 | Jürgen Köditz: Erinnerungen an ein Leben im „Bilderbuch-Sozialismus“. Arbeiterschriftsteller und Staatsfeind, in: Gerbergasse 18 (59) 2010, S. 15. |
|---|---|
| ↑2 | Jürgen Köditz: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. |
| ↑3 | Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Göttingen 2018, S. 387. |
| ↑4 | Jürgen Köditz: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. |
| ↑5 | Interview mit Marianne Jacob. |
| ↑6 | Jürgen Köditz: Erinnerungen an ein Leben im „Bilderbuch-Sozialismus“, S. 16. |
| ↑7 | Ebd. |
| ↑8 | Ebd. |
| ↑9 | Lehn et al: Schreiben lernen im Sozialismus, S. 411. |
| ↑10 | Jürgen Köditz: Erinnerungen an ein Leben im „Bilderbuch-Sozialismus“, S. 18. |
| ↑11 | Ebd. |
| ↑12 | Jürgen Köditz: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. |
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Kurzporträt: Mario Göpfert
„Am Rande einer großen Sandwüste lebt Said. Er ist noch ein Kind, aber seine Brüder sind schon erwachsen. Zusammen mit dem Vater, einer Herde Kamele und einer Gruppe Touristen, ziehen sie mehrmals im Jahr durch die Wüste. Wenn sie aufbrechen, hofft Said jedes Mal, dass sie ihn mitnehmen, doch stets heißt es, er sei noch zu klein für solch eine beschwerliche Reise. Niemals ziehen Saids Brüder los, bevor sie sich bei ihrem Großvater nach dem Zustand der Wüstenbrunnen erkundigt haben. Brunnen gibt es nur wenige dort draußen. Manchmal versiegt einer von ihnen. Said hat sich oft gefragt, woher der Großvater sein Wissen über die Brunnen habe, obwohl er seit Jahren nicht mehr in der Wüste gewesen ist. Eines Morgens, nachdem der Vater und die Brüder zu einer neuen Reise aufgebrochen sind, fasst er Mut und hockt sich neben den Großvater ans Herdfeuer. Zweimal muss er seine Frage nach den Brunnen wiederholen, bevor der Großvater eine Geschichte zu erzählen beginnt.
(mehr …)
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Kurzporträt: Birgit Herkula
„Kinder sind offen, neugierig, ohne Vorurteil, […] begeisterungsfähig, lebensbejahend und zukunftsgläubig“, so äußerte sich die Autorin in einem Interview von Kindern und Jugendlichen.[1]Lesen: ein Leben lang. Kinder- und Jugendliteratur aus Sachsen-Anhalt. Literaturhaus Magdeburg 2009. Birgit Herkula, die im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, im Friedrich-Bödecker Kreis Sachsen Anhalt e.V. sowie im Förderverein der Schriftsteller Sachsen Anhalt e.V. Mitglied war, ist in nur wenigen Literaturlexika vertreten. Herkula, Jahrgang 1960, Tochter eines Fernmeldemonteurs und Tonmeisters sowie einer Sekretärin[2]Fragebogenauskunft an Marianne Jacob., arbeitete seit 1984 als Autorin und Herausgeberin, seit 2005 als freischaffende Schriftstellerin.
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Kurzporträt: Martin Meißner
Es geschieht nicht alle Tage, dass ein Buchautor zum Bürgermeister gewählt wird.
Bekanntes Beispiel aus der Nachkriegszeit ist Hans Fallada (geboren als Rudolf Ditzen), Autor der Bestseller „Kleiner Mann – was nun?“ und „Jeder stirbt für sich allein“, der 1945 in der mecklenburgischen Kleinstadt Feldberg als Bürgermeister eingesetzt worden war. Auch ein späterer Absolvent des Literaturinstituts Johannes R. Becher, Franz Freitag, wirkte nach dem Zweiten Weltkrieg kurzzeitig in Mecklenburg als Bürgermeister.[1]Interview Marianne Jacob mit Herbert Jacob, 2021 Der in der DDR bekannte Kinder- und Jugendbuchautor Martin Meißner wurde 1990 zum stellvertretenden Bürgermeister von Klötze gewählt.

Meißner, der in seiner Jugendzeit als Bohrarbeiter und Matrose arbeitete, studierte von 1961 bis 1965 Pädagogik, Deutsch und Geographie an der Karl-Marx-Universität Leipzig und arbeitete danach als Fachlehrer. [2]Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. Von 1968 bis 1970 studierte er am Literaturinstitut J. R. Becher. Nebenbei veröffentlichte er einige Jugendbücher, wie „Die Pferdediebe von Seberitz“. Bevor er 1984 freischaffender Schriftsteller wurde, war er ab 1979 Lehrer an einer Sprachheilschule. Die Erfahrungen aus seinem Beruf werden insbesondere in dem einfühlsamen Kinderbuch „Manuel und der Waschbär“ aufgegriffen, mit einer Thematik, die auch in der DDR nicht alltäglich zur Sprache kam: „einem Kinderheim, einem guten, umsorgt von verständnisvollen Erziehern“ mit „dem freundlichen Sprachheillehrer, der sich sehr […] bemüht“.[3]Martin Meißner: Manuel und der Waschbär. 2. Aufl. Berlin 1983. Einbandtext. Erzählt wird die Geschichte von Manuel, einem Jungen, der bittere Enttäuschungen erlebt hatte, von einem Tier fasziniert wird, mit diesem Freundschaft schließt und langsam wieder Selbstvertrauen gewinnt. In den Geschichten von Meißner stehen oftmals die Mensch-Tier-Mensch-Beziehungen im Mittelpunkt der Handlungen, so wie auch in „Blitzard“ eine Taube, eine Igelfamilie in „Die Flöte mit dem Wunderhorn“, und Hengste in „Die Pferdediebe von Seberitz“.
Neben weiteren Jugendbüchern veröffentlichte Meißner einen „Kinderstadtführer Magdeburg“ (2003) sowie einen „Sachsen-Anhalt-Krimi“ unter dem Titel „Blutholz“ (2011).
Ich wachse immer morgens
Es ist morgens.
Das weiß Nora. Weil es hell ist. Weil sie nicht mehr schläft und schon auf dem Spielplatz sitzt. Morgens ist, wenn die Sonne zum Spielplatz kommt.
Das Mädchen sitzt im Sandkasten. Das heißt, auf einem Brett am Rand. Nur seine Füße sind im Sandkasten. Der Sand ist kalt. Nora merkt das, weil sie ihre Schuhe ausgezogen hat und die Strümpfe auch. Von oben aber werden ihre Füße warm, da sie in der Sonne sind.
Sie guckt ihre Füße an. Obwohl Nora sie kennt, guckt sie ihre Füße lange an. Als hätte sie die neu.
Nora weiß, wie sie heißt. Andere wissen das nicht. Auch ihre Mutter nicht. Sie ruft sie immer „Kleine“. Und weil ihre Mutter sie immer Kleine nennt, denken alle, so hieß sie und sagen Kleine zu ihr.
Andere Kinder wissen ihren Namen nicht und reden nicht mit ihr, weil sie nicht richtig sprechen kann. Und sie ist auch nicht richtig im Kopf, sagen sie gleich mit. Nora spricht gern. Aber weil sie keiner versteht, redet sie am liebsten mit sich selbst. Oder mit dem alten Mann. Der ihren Namen kennt.
Auf den wartet Nora jetzt. Denn morgens ist, wenn die Sonne auf ihre Füße scheint und der alte Mann gekommen ist. Auf der Bank sitzt, die am Nachmittag den Müttern mit ihren Kindern gehört.
Ich wachse so gern, hatte Nora mal zu dem alten Mann gesagt, als er sie ohne Schuhe und Strümpfe im Sandkasten sah. Am liebsten am Morgen.
Der Mann fand das lustig und lachte. Das hatte er noch gar nicht gehört, dass ein Mädchen nur am Morgen wuchs. Sie wuchs so gern, sagte sie, damit sie bald niemand mehr Kleine nennen konnte und jeder ihren richtigen Namen sagt.
Und damit Nora auch wirklich schnell wuchs, zog sie ihre Schuhe aus und die Strümpfe ebenfalls. Sie hielt ihre nackten Füße in die Sonne, was dem alten Mann ganz besonders gefiel.
Das machst du richtig, sagte er. Alles Leben braucht Sonne und kommt aus ihr.
Und dann fiel ihm noch was ein. Oder auch Nora selbst. Sie wusste es nicht mehr. Sie brachte am nächsten Morgen eine kleine Gießkanne voll Wasser mit. Und damit gossen sie ihre Füße. Nora zuerst. Aber bald half ihr dabei der alte Mann. Wie man Blumen oder Kohlpflanzen gießt, hielt er die Kanne schief und machte ihre Füße nass. Was die Wurzeln für die Pflanzen waren, wären die Füße für ein Kind.
So, nun kannst du schön wachsen, sagte er, als kein Wasser mehr in der Kanne war. Und dann schauten beide auf Noras Füße und freuten sich. Nora wartete darauf, dass es kribbelte. Und wenn es kribbelte, wusste sie, dass sie wieder ein kleines Stückchen größer geworden war.
Das machten sie, bevor die anderen Kinder kamen. Zum Schluss stellte sich Nora mit dem Rücken an einen kleinen Baum. Dann legte ihr der alte Mann die Hand auf den Kopf. So kontrollierte er, ob sie auch ordentlich wuchs. Zuletzt hob er Nora hoch. Damit sie den Unterschied auch richtig sah.
Martin Meißner: Ich wachse immer morgens, in: Ort der Augen 4 (2009)[4]Martin Meißner: Ich wachse immer morgens, in: OdA Ort der Augen 4 (2009). Die Rechte für diesen Text liegen beim Autor. Mit freundlicher Genehmigung von Martin Meißner.
Autorin: Marianne Jacob
References
| ↑1 | Interview Marianne Jacob mit Herbert Jacob, 2021 |
|---|---|
| ↑2 | Fragebogenauskunft an Marianne Jacob |
| ↑3 | Martin Meißner: Manuel und der Waschbär. 2. Aufl. Berlin 1983. Einbandtext. |
| ↑4 | Martin Meißner: Ich wachse immer morgens, in: OdA Ort der Augen 4 (2009). Die Rechte für diesen Text liegen beim Autor. Mit freundlicher Genehmigung von Martin Meißner. |
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Kurzporträt: Norbert Marohn
Seit den 1980er Jahren wurde der Autor Norbert Marohn mit seinen Veröffentlichungen von Prosa, Hörspielen sowie Gedichten, Essays, Buch- und Theaterkritiken in Zeitschriften und Zeitungen bekannt. Besonders hervorzuheben sind seine zahlreichen öffentlich wirksamen Rundfunk-Dokumentationen, -Biografien und -Features, u.a. über den „Röhm-Putsch“, zu Anna Seghers, Ludwig Renn und Gunter Preuß.[1]Norbert Marohn: E-Mail an Marianne Jacob, 20.12.2021.

Mit freundlicher Genehmigung von Norbert Marohn
(mehr …)References
| ↑1 | Norbert Marohn: E-Mail an Marianne Jacob, 20.12.2021. |
|---|
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Kurzporträt: Jürgen Frühauf
Zum letzten in der DDR am Institut für Literatur immatrikulierten Jahrgang für Direktstudierende (1988-1991) gehört neben Holger Benkel, Axel Haase, Ralf Julke, Leokadia Kuhn, Bodo Ranke, Raymund Töpfer und Ingrid Weißbach auch Jürgen Frühauf.

Der 1955 in Gera geborene Autor Jürgen Frühauf ist gelernter Elektronikfacharbeiter und hat bis zu seinem Studium mehrere Jahre im Uranbergbau der SDAG Wismut unter Tage gearbeitet. Nach der Wende wurde er Pressesprecher der AOK in Thüringen. Er ist verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn und wohnt in Erfurt.[1]E-Mail-Auskunft an Marianne Jacob vom 11. Dezember 2021.
Im Jahr 1988 veröffentlichte er den Lyrikband „Mit Adam und Eva am Stammtisch” im Verlag Tribüne. Darüber hinaus gibt es seit den 1980er Jahren zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien – z.B. „Neue Lyrik – Neue Namen”, Verlag Neues Leben 1988; „Durch den Tag laufen”, Verlag Tribüne 1989; „Ich komme von weit”, Verlag Neues Leben 1989; „Deutsch reden”, Verlag S. Fischer 1993; „Experimentierfeld Schreibschule”, Wallstein Verlag 2020.
„Bevor ich schreibe, schaue ich den Leuten immer genau aufs Maul. In der Sprache der einfachen Leute steckt eine ungeheure Poesie. Von dort kommen meine Wörter. Ich bündle sie ins Licht, damit sie uns nicht abhandenkommen“, erklärt Frühauf.[2]Interview Marianne Jacob mit Jürgen Frühauf
Als prägende Lehrer aus der Studienzeit nennt er den Literaturwissenschaftler Bernd Leistner, den Schriftsteller Peter Gosse und den Gastdozenten Ralf Schröder.[3]Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. In seiner Abschlussarbeit „Neue Welt“ finden sich Lyrik und Prosaminiaturen mit Einblicken in die Kindheit, die Liebe, die Arbeitswelt und ein zerfallendes Land namens DDR. Dabei sind seine chronistischen Qualitäten geprägt von einem humorvollen, aber auch drastischem Tonfall, der bis ins Experimentelle und Anarchische reicht.
Von 1988 bis 1991 war der Lyriker und Prosaist Jürgen Frühauf Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR. Zu seinen literarischen Mentoren zählt er neben seinem väterlichen Freund und Autor Hannes Würtz die Literaturwissenschaftlerin Dr. Mathilde Dau und den Schriftsteller Martin Viertel.[4]Ebd.
Jürgen Frühauf
Unterricht
Ans Reck
hopp hopp
bischen zackig du Sack
du nasser
ins Magnesium mit den Flossen
weichgekochtes Ei
Grundstellung
Grundstellung hab ich gesagt
Felgaufschwung
Felgumschwung zweidrei
ab die Post Griffel an die Stange
hoch umgreifen rum
rauf mit dem Arsch
nicht so strampeln
Maikäfer
greift der Lusche unter die Arme
reißt ihm den Arsch hoch
na los doch
und rum
bis die Übung sitzt
los du Flasche
Grundstellung.
Von Marianne Jacob
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Kurzporträt: Holger Benkel
„Die Seminargruppe, zu der ich gehörte, ist insofern nicht repräsentativ fürs Literaturinstitut, als das angestrebte Studienziel nicht erreicht werden konnte. Die Studenten der Gruppe, die meisten waren um die 30, hatten ihr Studium mit der Absicht begonnen, […] sich Grundlagen zu schaffen für die freiberufliche […] oder literaturnahe Arbeit und das häufig nach beruflichen Umwegen, Abbrüchen begonnener Studien und der Berufslaufbahnen, […] sowie Tätigkeit als Hilfsarbeiter und Reinigungskraft. Sie wollten endlich eine Lebensperspektive […].“[1]Holger Benkel: Brief an Marianne Jacob, 2. 7. 2021. Mit diesen Worten beschreibt Holger Benkel, der wie auch Bodo Ranke (†), Uwe Heit, Olaf Müller und Raymund Töpfer zu den letzten Absolvent*innen des Literaturinstituts Johannes R. Becher der Jahre 1988 bis 1991 gehörte, diese Umbruchzeit.

Der Autor, Jahrgang 1959, Sohn eines Buchdruckers sowie Lehrers und einer Sachbearbeiterin, besuchte die Polytechnische Oberschule in der Elbestadt Schönebeck. Nach kurzzeitiger Arbeit in einem Traktorenwerk war er Pressevolontär bei einer Lokalredaktion der Volksstimme Magdeburg und arbeitete ab 1980 als Mitarbeiter an der Kulturakademie Magdeburg.[2]Holger Benkel: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. 1987 besuchte er das Becher-Institut im Fernstudium und begann hier ein Jahr später das Direktstudium. Seine Dozent*innen waren Friedrich Albrecht, Peter Gosse, Anneliese Hübscher, Bernd Leistner und Hubert Witt. Gut kann Benkel sich noch an seine beiden Abschlußarbeiten erinnern: etwa 60 Gedichte[3]Gedichte erschienen größtenteils im Gedichtband „Kindheit und Kadaver“ Magdeburg 1995. sowie „augenglasspiegelhautkapseltum oder der kosmos in der küche. Zur lyrik von birgitt lieberwirth“.[4]Ders. Ebenda.
Über die Zeit nach dem Studium äußert sich der Autor von Lyrik, Essay, Rezension und „Mikrogedanken“[5]Ders. ebd., die bisweilen nachdenklich bis aufrüttelnd sind: „Manche der Studenten haben literarisch weiter gearbeitet, andere völlig damit aufgehört. Einige sind zu ihren früheren Berufen zurückgekehrt. Mir ermöglichte der soziale Tod Erkenntnisse, die man sonst so leicht nicht bekommt. Ich hatte seither nie wieder Illusionen und entwickelte statt dessen ein definitives Mißtrauen, das man normalerweise erst am Lebensende hat.“[6]Holger Benkel: Brief an Marianne Jacob, 2.7. 2021.
Seit 1995 veröffentlicht der Schriftsteller, der bis zum Jahre 2000 einen Zirkel Schreibender Schüler am Gymnasium in Schönebeck leitete[7]Holger Benkel: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob., regelmäßig Essays, Aphorismen und Gedichte, die auch an Georg Trakl erinnern. Für sein literarisches Schaffen erhielt er u.a. den Georg-Kaiser-Preis des Landes Sachsen-Anhalt (1996) sowie den Preis Forum Literatur in Ludwigsburg. Zur „Aufgabe der Literatur“ äußert er: „Man kann mit Büchern nicht die Wirklichkeit verändern oder gar den Menschen, sondern nur einzelne Menschen anregen“.[8]Ebenda. Ihn selbst haben Autoren aus verschiedensten Zeiträumen angeregt, u.a. Aristophanes, Ovid, Novalis, Kleist, Hölderlin, Baudelaire, Rimbaud, Trakl, Kafka, Bobrowski, Arno Schmidt, Dürrenmatt sowie Heiner Müller, Fühmann und Christa Wolf, aber auch Jacob Grimm, Friedrich Nietzsche und Walter Benjamin haben sein (schriftstellerisches) Leben geprägt.[9]Ebd.
Benkels „aphoristische Gedanken reflektieren auch Erfahrungen der Jahre am Literaturinstitut“[10]Benkel, Holger: Brief an Marianne Jacob 15. 6. 2021.. Hier eine kleine Auswahl:
„literatur und kunst:
altersweise kunst greift oft auf erlebnisweisen der kindheit zurück, wie wenn das leben dazwischen nur ein durchgangstor, eine pforte ins erkennen wäre.
denken und bildung:
aufgeklärtes denken verlangt, daß jeder antwort eine originellere neue frage folgt.
utopie und hoffnung:
wer aus der analyse des zustands der welt geradewegs ein programm entwickeln wollte, müßte die menschheit abschaffen.
krieg und gewalt:
gewaltfreiheit ist beim menschen eine kulturleistung, die stets, und von jeder generation, neu erlernt werden muß.“
Holger Benkel: Aphoristische Gedanken. Brief an Marianne Jacob. 8. Tag des steineichenmonats 2021, auf der suche nach der anderswelt.
Von Marianne Jacob
References
| ↑1 | Holger Benkel: Brief an Marianne Jacob, 2. 7. 2021. |
|---|---|
| ↑2, ↑7 | Holger Benkel: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. |
| ↑3 | Gedichte erschienen größtenteils im Gedichtband „Kindheit und Kadaver“ Magdeburg 1995. |
| ↑4 | Ders. Ebenda. |
| ↑5 | Ders. ebd. |
| ↑6 | Holger Benkel: Brief an Marianne Jacob, 2.7. 2021. |
| ↑8 | Ebenda. |
| ↑9 | Ebd. |
| ↑10 | Benkel, Holger: Brief an Marianne Jacob 15. 6. 2021. |
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Kurzporträt: Friedrich Blass

Friedrich Blass, Sohn eines Zimmermanns und einer Hausfrau wurde im September 1928 in Czernowitz geboren.[1]Friedrich Blass: Interview mit Marianne Jacob. Blass ist der erste und zugleich der älteste von mir interviewte Autor in der Reihe der Fragebogenaktion „Autoren Antworten“. Czernowitz war in dieser Zeit eine heterogene rumänische Stadt mit einer interkulturellen Bevölkerung aus Deutschen, Russen, Ukrainern, Polen und Juden. Nach dem Ribbentrop-Molotow-Pakt (1939) zwischen Hitler und Stalin wurde die Stadt im Juni 1940 besetzt und die deutsche Bevölkerung mit der Parole „Heim ins Reich“ in heutige polnische Gebiete umgesiedelt. Czernowitz musste später eine wechselvolle Geschichte durchleben, gehörte 1940-41 zur UdSSR, danach bis 1944 zu Rumänien, anschließend zur UdSSR, sie befindet sich heute in der Ukraine. Auch Familie Blass wurde umgesiedelt und kam nach dem II. Weltkrieg als Flüchtling nach Bitterfeld.[2]Käthe Blass: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. Blass arbeitete nach dem Besuch der 10. Klasse seit 1945 als Arbeiter, erhielt eine Ausbildung als Zahntechniker und besuchte diverse Kurse an Volkshochschulen;[3]Ebenda später zog er nach Halle. Hier war er im „Zirkel Schreibender Arbeiter“ und veröffentlichte seine erste Arbeit in der Anthologie „Greif zur Feder, Kumpel“.[4]Herbert Jacob: Literatur in der DDR. Bibliographische Annalen 1945-1962. Bd 2, S. 890 und Bd 3, S. 890. Berlin 1986. Später schrieb er Kurzgeschichten, vor allem Erzählungen für Kinder.[5]Käthe Blass: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob Der Autor studierte von 1959 bis 1960 im Direktstudium am Literaturinstitut Johannes R. Becher und hat, wie aus der Fragebogenaktion hervorgeht, noch eine lebhafte Erinnerung an viele Studierende aus dieser Zeit, wie z.B. an Dora Hajek, Lisa Wolfram, Günter Rumposch, Paul Rölle und Fritz Wege. Nach dem Studium war Blass Verlagsassistent und später Lektor[6]Käthe Blass: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. am 1960 neugegründeten DDR-Verlag für Grundstoffindustrie, einem Fachverlag für Bergbau und Energie, mit Sitz in Leipzig, der 1990 von der Treuhand verkauft, später eingestellt wurde und damit das gleiche Schicksal, wie fast alle DDR-Verlage erlitt.[7]Friedrich Blass: Interview mit Marianne Jacob. Im Jahre 1982 zog Blass nach Berlin und verstarb hier 2020.[8]Die Autorin dankt Burkhard Blass und Frau Käthe Blass für die weiterführenden Auskünfte und die Unterstützung der Forschungsarbeiten.
Von Marianne Jacob
References
| ↑1 | Friedrich Blass: Interview mit Marianne Jacob. Blass ist der erste und zugleich der älteste von mir interviewte Autor in der Reihe der Fragebogenaktion „Autoren Antworten“. |
|---|---|
| ↑2, ↑6 | Käthe Blass: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. |
| ↑3 | Ebenda |
| ↑4 | Herbert Jacob: Literatur in der DDR. Bibliographische Annalen 1945-1962. Bd 2, S. 890 und Bd 3, S. 890. Berlin 1986. |
| ↑5 | Käthe Blass: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob |
| ↑7 | Friedrich Blass: Interview mit Marianne Jacob. |
| ↑8 | Die Autorin dankt Burkhard Blass und Frau Käthe Blass für die weiterführenden Auskünfte und die Unterstützung der Forschungsarbeiten. |
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Kurzporträt: Gerd Bieker

Betrachtet man Veröffentlichungen bekannter, aber auch unbekannterer Künstler*innen, geht es ihnen nicht nur um Alltag, Sehnsucht, Schicksal und Begehren. Verarbeitet werden auch andere Themen, ohne dass die Publizierenden zugleich auch politische oder umweltpolitische Demagog*innen sein müssten.[1]Vgl. Gerd Bieker: Interview mit Marianne Jacob. 2021
So verfasste Gerd Bieker den Roman „Die Dorflinde“.[2]Gerd Bieker: Die Dorflinde. 1987. In dem generationsübergreifenden Jugendbuch, welches in der erzgebirgischen Heimat des Dichters spielt, fallen Hecken und Gehölze an Feldrändern der Erweiterung von Feldflächen zum Opfer. Auch die uralte Linde im Dorf soll gefällt werden. Ob diese doch noch gerettet werden konnte und inwiefern man Erfahrungen alter Bauern aufnehmen sollte, verrät uns dieses Buch.
Gerd Bieker, Sohn eines Hauptbuchhalters und einer Sekretärin, lebte über 60 Jahre in Chemnitz/ Karl-Marx-Stadt.[3]Gerd Bieker: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. Der in Grünhainichen Gebürtige arbeitete seit seiner Buchdruckerlehre bei der „Volksstimme“ in Chemnitz/sp. Karl-Marx-Stadt, seit 1957 ebendort als Zeitungsdrucker an Rotationsmaschinen.[4]Ebenda. Er war von 1960-1963, u.a. neben Wolfgang Eckert, Alfons Linnhofer (†) und Klaus Steinhaußen (†) Direktstudent am Becher-Institut in Leipzig. Nach dem Studium veröffentlichte er 1963 mit den Absolventen des Instituts Günter Glante und Rolf Merckel (†) eine „Zirkusreportage“. Bieker wirkte als Kulturinstrukteur beim Kulturbund der DDR und leitete mehrere Zirkel Schreibender Arbeiter, bevor er 1970 freischaffender Autor wurde.[5]Ders. ebenda.

„Mit dem Satz: ‚Dieses Buch hat nichts mit unserem sozialistischen Lebensgefühl gemein!‘, begann Erich Honecker 1965 auf dem 11. ZK (M.J.: der SED)- („Kahlschlag“)-Plenum seine Beschimpfung der Schriftsteller […]. Gemeint war mein Debütroman „Sternschnuppenwünsche“. Auf sein Veto hin, wurde die erste Druckauflage […] gecancelt. Aber die Personagen wechselten; nach fünf Jahren Denk- und Lektoratszeit erschien das Buch in üppigen Auflagen.“[7]Ebd.
Bieker reiste mehrfach in die UdSSR und nach Rumänien, um Kontakt zu den dortigen Schriftstellerverbänden zu halten. Zu seinen literarischen Vorbildern zählt er Jerome D. Salinger, Thomas Wolfe und die Russischen Dorfliteraten.[8]Ders. ebd. Veröffentlicht hat er selbst Erzählungen, Romane, Reportagen und auch einige Kinderhörspiele.[9]Bieker bedankte sich in einem Brief für die Forschungs- und Fragebogen-Arbeiten am DDR-Literaturprojekt mit den Worten: „Das Vorhaben ist für mich und gewiß auch andere Kollegen sehr … Continue reading
Gerd Bieker verstarb unerwartet am 12. Juli 2022.[10]Auskunft: Herbert Jacob und Wolfgang Eckert.
Von Marianne Jacob
References
| ↑1 | Vgl. Gerd Bieker: Interview mit Marianne Jacob. 2021 |
|---|---|
| ↑2 | Gerd Bieker: Die Dorflinde. 1987. |
| ↑3 | Gerd Bieker: Fragebogenauskunft an Marianne Jacob. |
| ↑4 | Ebenda. |
| ↑5 | Ders. ebenda. |
| ↑6 | Gerd Bieker: Kartengruß an Marianne.Jacob, 17. 12. 2021. |
| ↑7 | Ebd. |
| ↑8 | Ders. ebd. |
| ↑9 | Bieker bedankte sich in einem Brief für die Forschungs- und Fragebogen-Arbeiten am DDR-Literaturprojekt mit den Worten: „Das Vorhaben ist für mich und gewiß auch andere Kollegen sehr ermunternd“. Gerd Bieker: Brief an Marianne Jacob, April 2021. |
| ↑10 | Auskunft: Herbert Jacob und Wolfgang Eckert. |
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Kurzporträt: Karl Sewart
Es gibt recht bemerkenswerte Beispiele dafür, wie ein gewöhnlicher Lehrer auch erfolgreicher Buchautor werden konnte; sind doch die Aufgabenbereiche von Pädagog:innen und Schriftsteller:innen teilweise durchaus überschneidend: Beide müssen recherchieren, beobachten, zuhören, vermitteln und erzählen können.
Auch unter den Absolvent:innen der Leipziger Autorenschule gab es Schreibende Lehrer oder Lehrer als Schriftsteller, wie beispielsweise Wolfgang Buschmann und Karl Sewart.
(mehr …)Start » Porträts & Fundstücke (Seite 1)
Porträt: Von Damaskus bis Leipzig – Adel Karasholi

Als einer von wenigen außereuropäischen Migrant:innen, die den Direktstudiengang am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ in Leipzig belegt haben, steht der Lyriker Adel Suleimann Karasholy (i. F. Adel Karasholi) für die Ausnahme. In der nicht deutschen Bevölkerung der DDR hingegen war er einer von vielen: sowohl neben Soldaten, Zivilangestellten und Angehörigen der in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte als auch ausländischen Vertragsarbeiter:innen, politischen Emigrant:innen und Student:innen.[2]Vgl. Patrice G. Poutrus: Fremd im Bruderland. Vertragsarbeit und das Ende des Goldbroilers. In: Lydia Lierke; Massimo Perinelli (Hg.): Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer … Continue reading Karasholis und deren Perspektiven gingen in Folge der deutsch-deutschen Vereinigung, die als „deutsche Homogenisierungsgeschichte“[3]Lydika Lierke, Massimo Perinelli: Intro. In: Erinnern stören, S. 11-30, hier S. 18. geschrieben wurde, unter.
Gegen das Verdrängen ihrer Sichtweisen richten sich Sammelbände wie „Erinnern stören“.[4]Lydia Lierke; Massimo Perinelli (Hg.): Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Berlin 2020. Dessen Herausgeber:innen betonen, wie wichtig es sei, in post-/migrantischen Erinnerungen eine „gemeinsame kollektive Geschichte im Persönlichen und Individuellen“ zu suchen und diese „im politisch verfassten Sprechen und Streiten“ freizulegen.[5]Vgl. Lierke, Perinelli: Intro, S. 17. Nachfolgend soll Adel Karasholis Leben und Werk unter diesem Credo bedacht sowie ein gesonderter Blick auf sein biobibliografisches Netzwerk und dessen Anknüpfungspunkte am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ geworfen werden.
(mehr …)References
| ↑1 | Weltnest – Literarisches Leben in Leipzig 1970 – 1990. Herausgeber: Peter Gosse, Helfried Strauß, Fotografien: Helfried Strauß. Mitteldeutscher Verlag: Halle 2007, S. 58. |
|---|---|
| ↑2 | Vgl. Patrice G. Poutrus: Fremd im Bruderland. Vertragsarbeit und das Ende des Goldbroilers. In: Lydia Lierke; Massimo Perinelli (Hg.): Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Berlin 2020, S. 277-298, hier S. 284. |
| ↑3 | Lydika Lierke, Massimo Perinelli: Intro. In: Erinnern stören, S. 11-30, hier S. 18. |
| ↑4 | Lydia Lierke; Massimo Perinelli (Hg.): Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Berlin 2020. |
| ↑5 | Vgl. Lierke, Perinelli: Intro, S. 17. |
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Kurzporträt: Egbert Lipowski
„‚Hast du schon darüber nachgedacht, dass wir eines Tages in ein Altenheim müssen?‘, fragte Marie Paul. ‚Wir müssen uns anmelden, die Plätze werden immer knapper und teurer. Alte Leute sind überflüssig.‘“[1]
Diese wenigen Zeilen (Fortsetzung s. unten) aus dem Kapitel „Die durchtanzte Nacht“ des als Manuskript vorliegenden Romans „Die überflüssigen Alten“ von Egbert Lipowski zeigen bereits, wie sich der Autor in seinem aktuellen literarischen Schaffen der Problematik des Älterwerdens, Altseins und der Nichtreflexion des Themas in der Öffentlichkeit widmet.
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Kurzporträt: Florian Kokot
Gewiss ist es etwas Außergewöhnliches, wenn Vater und Sohn, zeitlich versetzt und unabhängig voneinander, ihre Schreibausbildung an derselben Institution erhalten: Florian Kokot studierte von 1973 bis 1976 am Becher-Institut in Leipzig; 33 Jahre später sein Sohn Sascha dort unter gesamtdeutschen Verhältnissen. Da der Schriftsteller Florian Kokot bereits 2016 verstarb, übernahm sein Sohn, mehrmals prämierter Autor und Fotograf, freundlicherweise die Beantwortung des Fragebogens, womit ich ihm hiermit sehr für die Unterstützung bei unserer Forschungsarbeit danke.
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Fundstück: Thomas Rosenlöcher und „Das Wunder, das zu Fuß ging“
Im Projektseminar „DDR-Literaturgeschichte aus Quellen“, das im Sommer 2021 von Birgit Dahlke an der Humboldt-Universität zu Berlin geleitet wurde, erstellten Studierende Essays zu einzelnen Quellen aus der DDR-Literaturgeschichte. Eine dieser Arbeiten stellen wir hier in gekürzter Fassung vor.
Am 8.10.1982 legt der 35-jährige Autor Thomas Rosenlöcher sein vorläufig mit „Das Wunder, das zu Fuß ging“ betiteltes Buchprojekt dem Schriftstellerverband der DDR zum Gutachten vor. Es handelte sich hierbei um eine Sammlung von kurzen Prosastücken.
(mehr …)Start » Porträts & Fundstücke (Seite 1)
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Nachruf: “Dort wo es rauscht kam ich her”. Zum Tod von Thomas Rosenlöcher

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Kurzporträt: Horst Matthies
Der in der Wahlheimat Karl Mays, in Radebeul bei Dresden, geborene Horst Matthies erlernte zunächst den Beruf eines Bergmanns im VEB Steinkohlenwerk Karl Marx in Zwickau, arbeitete danach in Freital als Hauer „und diente, bis ihn das Schreiben unerwartet überfiel“[1], 10 Jahre lang im Polizeidienst[2]. Er studierte ab 1967 drei Jahre am Literaturinstitut und es „entwickelten sich freundschaftliche Beziehungen, wie etwa mit Waldemar Spender, Manfred und Brigitte Boden […], Dieter Beier, Elisabeth Semrau (später Ehefrau von Max Walter Schulz), Siegfried Weinhold, Klaus Bourquain“[3]. Obwohl das Studium nun schon etliche Jahre zurückliegt, erinnert er sich in der Fragebogenauskunft gut an viele Dozenten und beschreibt damit ein umfangreiches Bild der vielfältigen Lehrveranstaltungen u.a. bei Joachim Nowotny (Prosa), Günter K. Lehmann (Ästhetik), Hans Pfeifer (Dramatik), Kurt Kanzog (Klassische deutsche Literatur), Roland Opitz (Sowjetliteratur), Dietrich Allert (Gegenwartsliteratur), Horst Pickert (Philosophie), Ursula Sczeponik (Gegenwartsliteratur), Gerhard Rothbauer (Stilistik), Marianne Hübscher (Gastdozentin für Kunstgeschichte). Matthies‘ Abschlußabeit behandelte „das sozialistische Menschenbild – Bedingungen seiner Entwicklung und die Aufgaben der Literatur“.[4]
(mehr …)Start » Porträts & Fundstücke (Seite 1)
Kurzporträt: Gunter Preuß

Fast unbemerkt von den großen Medien erschien im Coronajahr 2021 die Geschichte „Neues von Gretel und Hänsel“ von Gunter Preuß im Leipziger Engelsdorfer Verlag. Preuß, der die Handlung des weltbekannten Märchens der Brüder Grimm in die heutige Zeit überträgt und damit auch neue Fragen aufwirft, hat dieses Buch nicht nur für Kinder, sondern auch besonders für Erwachsene geschrieben. Die Rezension von Ralf Julke, ebenfalls ehemaliger Absolvent des Leipziger Literaturinstituts, ist tiefgehend, deutend und aufrüttelnd.[1]Vgl. Ralf Julke: [Rez.], in: Die Leipziger Zeitung (L-IZ), 18. Februar 2021.
(mehr …)References
| ↑1 | Vgl. Ralf Julke: [Rez.], in: Die Leipziger Zeitung (L-IZ), 18. Februar 2021. |
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Kurzporträt: Rolf Merckel
10 Jahre, nachdem der Deutsche Fernsehfunk mit einem Sender seinen regulären Programmbetrieb aufnahm, begann am 3. September 1967 die Ausstrahlung der ersten Vorabend-Serie im Fernsehen der DDR „Harras, der Polizeihund“ mit der Folge 1 „In letzter Minute“. Szenarist war Rolf Merckel.(Obwohl sich Merckel nicht mehr an der Fragebogenaktion beteiligen konnte, wurde er in diese Reihe aufgenommen, da der Verfasserin der handgeschriebene Lebenslauf vorlag. – Vgl. Sammlung Jacob, 1959.) Held der Filme, die mit Unterstützung der Deutschen Volkspolizei entstanden und im Studio Halle des DFF produziert wurden, ist Spürnase „Harras“. Er hilft bei der täglichen Polizeiarbeit, Verbrechen aufzudecken und stöbert Straftäter, wie Einbrecher, Brandstifter und Mörder auf. Ausgestrahlt wurden insgesamt nur 3 Folgen der ursprünglich 8-teiligen Serie. 3 Teile davon, bei denen Merckel Autor und Szenarist ist (Merckel, Rolf: Szenarium für: F. 5: Mord im Hafen; F. 6: Spiel mit dem Leben, F. 7: Die Party. – Recherche Marianne Jacob.), wurden nicht gezeigt, obwohl darin bekannte Schauspieler, wie Hans-Edgar Stecher, Vera Oelschlegel und Jürgen Zartmann (später in Polizeiruf 110) mitwirkten. Die Filme wurden 2016 digital restauriert und als DVD herausgegeben (Studio Hamburg Enterprises); Folge 3 gilt heute leider als verschollen. (Vgl. Studio Hamburg Enterprises (Hg.): Harras der Polizeihund. DDR TV-Archiv. 2016 [DVD].) Die Serie „Harras“ stand in der Tradition des russischen Filmes „Polizeihund Muchtar“ (1965 im Kino der DDR gezeigt, 1968 im DFF), der wiederum Vorbild für die österreichische Fernsehserie „Kommissar Rex“ wurde.
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Kurzporträt: Horst Seidel
Horst Seidels Texte sind zeitbezogen, bodenständig und kritisch. Seine Protagonisten sind stets, wie auch in den Werken von Hans Fallada, die kleinen Leute. In seinem Buch „Warten auf Anschluss“, in dem Seidel mehrere Prosatexte vereint, stechen neben der Titelgeschichte „Die tragischen Abstürze einer Büroklammer“ auch „Drei Wünsche einiger Autoren an die Politik“ sowie die Erzählung „Die Katze II“ hervor, in der die Alltagswelt der Verwaltungsangestellten „Frau Müller“ geschildert wird:
(mehr …)Start » Porträts & Fundstücke (Seite 1)
Kurzporträt: Ingrid Weissbach
„Ich wachte auf. Ich ging ins Institut. Andreas sagte: ‚Die krabbeln in Berlin wie Maikäfer über die Mauer. Und die Züge sind überfüllt. Wie auf der Flucht. Die krabbeln sogar auf die Dächer der Waggons‘. Die Mauer war tatsächlich weg“.[1]Weissbach, Ingrid. [Ausz. aus:] Einmal Welt bitte. Roman. Kapitel 16: Nervös, Leipzig 1989. [Ungedr.] Mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach.
So beschreibt Ingrid Weissbach ihre Erinnerungen an den November 1989 in Leipzig.
Weissbach, in Thüringen geboren, in Stralsund aufgewachsen, studierte von 1988 bis 1991 – im letzten Jahrgang in der DDR – am Literaturinstitut in Leipzig und lebt jetzt abwechselnd in Berlin und der Schweiz. Sie fühlt sich „als ‚Weltbürgerin‘ mit Wurzeln in der DDR“.[2]Email-Auskunft an Marianne Jacob vom 26. Febr. 2021. Die Veröffentlichung der folgenden Zitate erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach.
(mehr …)References
| ↑1 | Weissbach, Ingrid. [Ausz. aus:] Einmal Welt bitte. Roman. Kapitel 16: Nervös, Leipzig 1989. [Ungedr.] Mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach. |
|---|---|
| ↑2 | Email-Auskunft an Marianne Jacob vom 26. Febr. 2021. Die Veröffentlichung der folgenden Zitate erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Weissbach. |
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Kurzporträt: Wolfgang Eckert

Wolfgang Eckert gehört neben Gerd Bieker, Günter Glante, Ernst Kreitlow und Alfons Linnhofer zu einem der frühen Studienjahrgänge am Institut für Literatur in Leipzig. Eckert studierte von 1960 bis 1963 bei den Dozent*innen Max Walter Schulz, Trude Richter sowie Kurt Kanzog. Zu seiner Studienaufnahme äußerte er:
(mehr …)„Mit Kreitlow, den ich aus seiner Meeraner Zeit gut kannte, bewarb ich mich gleichzeitig am Institut. Wir legten keinerlei literarischen Proben vor. Er war stellvertretender Leiter der Abteilung Kultur und ich Weber. Er wurde angenommen, ich abgelehnt. Ich glaubte, Alfred Kurella ist der Institutsdirektor. Also schrieb ich ihm einen verbitterten Brief. Der Brief wurde ihm ungeöffnet nach Berlin gesendet. Kurella schrieb an das Institut und ich wurde nachtäglich immatrikuliert. Lange fühlte ich mich dort als Eindringling. Aber das legte sich bald. Aus heutiger Sicht bin ich der erfolgreichste Absolvent dieser Seminargruppe 1960 bis 1963“.
E-Mail-Auskunft an Marianne Jacob vom 04.01.2022. Mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Eckert.
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Kurzporträt: Beate Stanislau

Ich frage: ‚Haben Sie niemals, irgendwann einmal irgend etwas anderes gewollt?‘ ‚Nein‘, sagt Elke, ‚ich wollte immer Zootechniker werden.‘
Beate Stanislau: Wie ein Auftrag und sein Umstand zu dem Versuch einer Reportage über Elke Biskupek, DDR-Siegerin im Melk-Ausscheid 1985, und den Ort Schönau führten, in: Bauernmarkt. Dorfgeschichten einmal anders, Halle/Leipzig 1987, S. 180.
Das ist ein Weg voller Geradheit, ohne Umwege. Brüche. Für mich stellt sich die Überlegung in Frage, ob ein zerrissener Lebensweg später zu besonderen Leistungen befähigt… Sie stimmt eben doch nicht in allen Bereichen und sicherlich auch nicht unbedingt in meinem.
Brüche in den Biografien der Absolvent*innen des Literaturinstituts Johannes R. Becher sind ein auffallender Bestandteil ihrer so unterschiedlichen Lebenswege. Gerade am Beispiel Beate Stanislaus lassen sich biografische Brüche nachzeichnen: 1942 in Berlin-Pankow geboren, studiert Beate Stanislau nach dem Abitur zunächst Malerei an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, bricht dieses Studium 1963 jedoch ab. Stattdessen arbeitet sie in neun (!) verschiedenen Berufen: als Hilfs- und Rotationsarbeiterin, Botin, Korrektorin, Bibliothekarin, Spritzmalerin, Sekretärin, Tastomatsetzerin und Archivtechnikerin.
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Lehrende am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“: zum Beispiel Trude Richter, Gerhard Rothbauer, Georg Maurer
Eigensinn und soziale Alltagspraxis schlugen sich nur bedingt in Dokumenten nieder. Einer Literaturgeschichtsschreibung, die sich vorrangig auf administrative Papiere (also ideologische Einflussversuche und Zielvorstellungen) als Quellen stützt, muss diese Parallelität und Komplexität der DDR-Alltagsgeschichte entgehen. Offizielle Verlautbarungen und praktizierter Lehrbetrieb sind nicht deckungsgleich. Was die Studierenden am Literaturinstitut erlebten, war in starkem Maße abhängig von der Persönlichkeit ihrer Dozent*innen. Deren Ausstrahlung prägte den am Institut herrschenden Geist, wenn auch das Ministerium für Kultur auf den Lehrplan Einfluss zu nehmen versuchte und sich zeitweise Seminarunterlagen und Abschlussarbeiten vorlegen ließ. In Zeitzeugeninterviews kommen Absolvent*innen immer wieder wertschätzend auf Georg Maurer, Gerhard Rothbauer, Trude Richter, Peter Gosse, Hubert Witt oder Ralf Schröder zu sprechen.[1]Rothbauer unterrichtete u.a. Stilistik, Witt ab 1986 das Fach Weltliteratur. Siehe auch Hubert Witt: Leipziger Dichterschule, in: Sprache im technischen Zeitalter 116 (1990), S. 321–329. Der … Continue reading
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| ↑1 | Rothbauer unterrichtete u.a. Stilistik, Witt ab 1986 das Fach Weltliteratur. Siehe auch Hubert Witt: Leipziger Dichterschule, in: Sprache im technischen Zeitalter 116 (1990), S. 321–329. Der Slawist Ralf Schröder unterrichtete als Gastdozent sowjetische Literatur. Er war von 1957 bis 1964 als politischer Häftling in Bautzen gewesen. |
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Fundstück: Trude Richters tabuisierte Erinnerungen
Im Projektseminar „DDR-Literaturgeschichte aus Quellen“, das im Sommer 2021 von Birgit Dahlke an der Humboldt-Universität zu Berlin geleitet wurde, erstellten Studierende Essays zu einzelnen Quellen aus der DDR-Literaturgeschichte. Einige dieser Arbeiten stellen wir hier in gekürzter Fassung vor. Vielen Dank an Luisa Sarina Möllmann für die Einwilligung zur Publikation!
Die Rückschau auf historische Ereignisse sowie Prozesse birgt häufig die Gefahr der Verallgemeinerung. Auch die Geschichtsschreibung zur DDR-Literatur ist davon zumindest (aber nicht nur) populärwissenschaftlich nicht frei. Allzu oft wird davon gesprochen, dass es für Autor*innen eine klare „Rote Linie“ gegeben habe, die zu überschreiten von staatlicher Stelle nicht genehmigt war. Aus dem Blick gerät bei dieser Feststellung, dass das zu Sagen Mögliche zeitlich veränderlich war und dass Thementabus von gesellschaftlichen Prozessen, politischen Entwicklungen, aber auch von persönlichem Einsatz beeinflussbar waren. Ein Beispiel dafür ist der Vergleich von zwei Briefen, die Max Walter Schulz am 23.05.1984 und 20.10.1987 an Trude Richter schrieb anlässlich einer geplanten Veröffentlichung von Lebenserinnerungen Richters in der Zeitschrift „Sinn und Form“, deren Chefredakteur er war.
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Kurzporträt: Heidemarie Härtl
Heidemarie Härtl, geboren 1943 in Oelsnitz / Vogtland, nahm ihr Studium 1967 auf. Sie hatte zuvor Bauwesen an der Technischen Hochschule Dresden studiert, aber nicht abgeschlossen. Die Tochter zweier Funktionsträger der SED wurde 1970 exmatrikuliert, als letzte ihres Jahrgangs und im Nachgang harter Auseinandersetzungen um die Bewertung der Ereignisse in Prag 1968, aber auch um das Curriculum und um undemokratische Entscheidungsstrukturen am Institut. Ihr Ehemann Gert Neumann, den sie am Institut kennengelernt hatte, war ein Jahr zuvor exmatrikuliert worden.[1]Vgl. Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, Anm. 175, S. 87; S. 264; Anm. 298, S. 281, 363.
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| ↑1 | Vgl. Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, Anm. 175, S. 87; S. 264; Anm. 298, S. 281, 363. |
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Fundstück: „Unziemlich indiskret“: Kuriose Details über die sportlichen Vorlieben einiger DDR-Autor*innen
Um bio-bibliografische Angaben zu erschließen, sichten wir systematisch die Paratexte von Anthologien, insbesondere deren Autorenverzeichnisse. Häufig finden sich hier Angaben zu Leben und Werk der an der Anthologie beteiligten Autor*innen. In einigen Fällen finden wir auch noch mehr, so wie in der von Rainer Kirsch und Manfred Wolter 1972 im Aufbau-Verlag herausgegebenen Anthologie „Olympische Spiele. Gedichte.” Hier erfahren wir kuriose Details über die sportlichen Vorlieben und Erfolge der Dichter*innen.
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Kurzporträt: Angela Krauß

Angela Krauß, geboren 1950 in Chemnitz, studierte von 1977 bis 1979 am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“. Die 26-Jährige hatte vor ihrer Aufnahme ans Literaturinstitut Werbeökonomie an der Fachschule für Werbung und Gestaltung Berlin studiert und am Literaturinstitut vom Fern- ins Direktstudium wechseln können. Das Leben ihres Vaters, eines leitenden Funktionärs im Uranbergbau, stellte sie ins Zentrum ihrer 1988 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichneten Erzählung „Der Dienst“ (1990).[1]Dass es 1988 möglich war, als in der DDR lebende Ostdeutsche an diesem Wettbewerb teilzunehmen, ist ein interessantes Detail der Literaturgeschichte der Ost-West-Beziehungen über die Mauer hinweg. … Continue reading
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| ↑1 | Dass es 1988 möglich war, als in der DDR lebende Ostdeutsche an diesem Wettbewerb teilzunehmen, ist ein interessantes Detail der Literaturgeschichte der Ost-West-Beziehungen über die Mauer hinweg. Zwischen 1986 und 1989 gab es vier aus der DDR stammende Gewinner*innen des Bachmann-Preises. Außer Angela Krauß waren dies Katja Lange-Müller, Uwe Saeger und Wolfgang Hilbig. Ulrich Plenzdorf hatte ihn 1978 erhalten. |
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Kurzporträt: Katja Lange-Müller
Katja Lange-Müller, geboren 1951 in Berlin, studierte von 1979 bis 1982 am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“. Obwohl sie mit 16 Jahren wegen „unsozialistischen Verhaltens“ ohne Abitur von der Schule verwiesen worden war und 1976 zu den Unterzeichner*innen der Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung gehörte, wurde sie – gegen den expliziten Einspruch der Leiterin der Abteilung Kultur des Zentralkomitees (ZK) der SED, Ursula Ragwitz[1]Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, S. 507. – zum Studium zugelassen. Die ausgebildete Schriftsetzerin, deren Mutter Inge Lange Mitglied des ZK der SED und Kandidatin des Politbüros war, hatte zuvor in ihrem Beruf und als Umbruchredakteurin gearbeitet und war mehrere Jahre Pflegerin in der Psychiatrie gewesen. Zur Immatrikulation am Literaturinstitut kam es durch ihren Namenswechsel. In Katja Müller (verheiratet mit Wolfgang Müller, dem Bruder Heiner Müllers) erkannten Kaderleitung und Sicherheitsorgane die Tochter der hohen SED-Funktionärin nicht. Der Namenswechsel ließ die Immatrikulation bis zu der Phase fortschreiten, dass sie nur unter peinlichem Skandal rückgängig zu machen gewesen wäre.[2]Vgl. Johannes Nichelmann: Portrait einer Schriftstellerin: Die autonome Republik Katja Lange-Müller. … Continue reading
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| ↑1 | Isabelle Lehn; Sascha Macht; Katja Stopka: Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur Johannes R. Becher. Göttingen 2018, S. 507. |
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| ↑2 | Vgl. Johannes Nichelmann: Portrait einer Schriftstellerin: Die autonome Republik Katja Lange-Müller. https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/schriftstellerin-katjalange-mueller-100.html – Minute 35-38. |
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Kurzporträt: Kerstin Hensel
Kerstin Hensel, geboren 1961 in Karl-Marx-Stadt (bis 1953 Chemnitz), studierte von 1983 bis 1985 am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“, zunächst im Fern-, dann im Direktstudium. Die bei Studienbeginn erst 22-Jährige und damit jüngste Studentin in der Geschichte des Instituts hatte zuvor als chirurgische Schwester gearbeitet. Sie stammte aus einer Arbeiterfamilie und hatte Gedichte an die „Poetensprechstunde“, eine Rubrik der Zeitung „Junge Welt“, geschickt, woraufhin die junge Frau an den Zirkel Schreibender Arbeiter im Karl-Marx-Städter Werkzeugmaschinenkombinat Fritz Heckert verwiesen worden war. Dessen Leiterin Gabriele Berthel (selbst von 1981 bis 1984 Fernstudentin am Literaturinstitut) ermutigte sie zur Bewerbung. Für Hensel eröffnete sich damit ein Weg, auch ohne Abitur ein Studium aufnehmen zu können, als erste ihrer Familie.
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„Nein, schreiben habe ich dort nicht gelernt.“ Angela Krauß im Gespräch mit Astrid Köhler über ihr Studium am Literaturinstitut

Astrid Köhler: Als Teil Ihrer künstlerischen Ausbildung haben Sie drei Jahre am damaligen Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig studiert. Was war das für eine Schule?
Angela Krauß: Sie hieß auch „kleinste Hochschule der Welt“. Sie war vom Status anderen Kunsthochschulen gleichgestellt. In der grünen Villa in der Tauchnitzstraße in Leipzig studierten 13 Studenten drei Jahre lang. Wir waren in meinem Kurs zwischen 26 und 48 Jahre alt. Alle hatten eine abgeschlossene Berufsausbildung, das war Bedingung, alle hatten Erfahrungen mit einem Berufsleben und einen oder mehreren Familienleben. Also: Sie wußten, was Leben ist. Und sie hatten Erfahrungen damit, wie in diesem Alltag konträre Bestrebung wie das Schreiben unterzubringen, durchzusetzen ist. Nämlich unter Zugeständnissen, Opfern, Zerrissenheit persönlicher und auch politischer Art. Wer es bis zu diesem Studium gebracht hatte, war also schon Jahre vorher bereit gewesen, dies alles zu akzeptieren. Daß dieses Studium mit einem Hochschulabschluss endete, jedoch für das weitere Schreiben oder gar für den Schriftstellerberuf keinerlei Garantie bot, verstand sich von selbst. Es gehört zum Gesamtwagnis einer Künstlerexistenz dazu. Eine Schule ist dabei eine Selbstprüfung unter vielen anderen, mehr nicht.
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